In vielen Industriestaaten steigen die Verbraucherpreise seit Jahrzehnten kaum noch. Im historischen Vergleich liegt die Teuerung in zahlreichen großen Volkswirtschaften so niedrig wie nie. Die Coronakrise dürfte dem Preisanstieg einen weiteren Dämpfer versetzen. Ist die Inflation also tot? Nein, sagt Jonathan Baltora, Inflations- und Währungsspezialist bei Axa Investment Managers (Axa IM). "Vielleicht schläft sie 2020, aber mittelfristig wird sie zurückkehren, und das möglicherweise stärker, als wir es von den vergangenen Jahrzehnten gewohnt sind", erklärt er.

Der Investmentexperte führt für seine Prognose mehrere Argumente an. Das erste: Die Hilfspakete, mit denen Regierungen auf die Coronakrise reagieren, dürften enorme Haushaltsdefizite nach sich ziehen, die irgendwie finanziert werden müssen. Auch die Wertpapierkäufe der Notenbanken lassen die Teuerung anziehen und sorgen überdies bei Investoren für höhere Inflationserwartungen. Ein weiteres Argument für steigende Verbraucherpreise: Die grassierende Pandemie dürfte die Globalisierung ausbremsen, Protektionismus fördern und Lieferketten unterbrechen. Eine solche Entwicklung bleibt nicht ohne Folgen für die Preise.

Liegen die Inflationserwartungen zu niedrig?
Im laufenden Jahr dürfte die Inflation zunächst weiterhin bei null verharren, schätzt der Experte. Mittelfristig könnte sich das Bild allerdings ändern: "Die wirtschaftliche Erholung, die schließlich folgen wird, könnte zu einem erheblichen Inflationsdruck führen, wie dies nach der Großen Rezession 2008 oder nach der Atomkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 der Fall war", sagt Baltora. Seiner Ansicht nach müssten Marktteilnehmer eigentlich bereits jetzt eine höhere Inflation einpreisen.

Jetzt könnte ein guter Zeitpunkt sein, um in inflationsgesicherte Anleihen, auch Linker genant, zu investieren, schätzt der Axa-IM-Experte. "In den vergangenen Jahren haben sie sich im Umfeld von Quantitative Easing gut entwickelt. Wir gehen davon aus, dass inflationsindexierte Anleihen auch dieses Mal gut unterstützt sein sollten", sagt er. In unsicheren Zeiten suchen viele Anleger nach defensiven Vermögenswerten. Weil Linker oft von Staaten mit guter Bonität ausgegeben werden, fallen sie in diese Kategorie. Darüber hinaus sind sie in den Anleihekaufprogrammen der Zentralbanken enthalten. Das sorgt für eine hohe Liquidität. (fp)