Der Euro-Raum schickt sich zu einem fulminanten Finanzmarkt-Comeback an. "Die Währungsunion ist auf gutem Wege, vom verstoßenen Kind zum Liebling der Investoren zu avancieren", sagt Daniel Hartmann, Chefvolkswirt von Bantleon. Das ist maßgeblich der Entwicklung in der Covid-19-Pandemie zu verdanken: Nachdem einzelne europäische Länder wie Italien und Spanien zunächst Corona-Hotspots waren, ist die Zahl der Neuinfektionen mittlerweile in fast allen Euroländern massiv gesunken. "Damit schlägt sich die Währungsunion deutlich besser als etwa die USA, das Vereinigte Königreich oder zahlreiche Schwellenländer", sagt Hartmann. In der Folge kann die Wirtschaft rascher wieder hochgefahren werden und das Risiko einer zweiten Infektionswelle ist vergleichsweise gering. 

Der zweite Grund dafür, dass Anleger die Eurozone wiederentdecken, ist deren mutige Fiskalpolitik als Antwort auf die Coronakrise. Sogar Deutschland, der "Sparweltmeister", gibt mit vollen Händen Geld aus, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. "Außerdem hat die größte Volkswirtschaft der Eurozone die Tür zur Fiskalunion geöffnet. Im Zuge der Coronavirus-Krise wird die EU erstmals in größerem Umfang gemeinsam Schulden aufnehmen", sagt der Bantleon-Ökonom. Vor allem für vergleichsweise wirtschaftsschwache und von der Krise enorm in Mitleidenschaft gezogene Länder wie Italien hat der geplante Wiederaufbaufonds eine stabilisierende Funktion. "Er sorgt dort für einen Geldsegen, der allein auf nationaler Ebene nicht zu stemmen gewesen wäre", so Hartmann.

Im zweiten Halbjahr wird alles besser
Die Europäische Zentralbank (EZB) tritt als beherzte Feuerwehr auf und muss sich im Rahmen ihres Notfall-Anleihekaufprogramms kaum noch an irgendwelche Regeln halten. Wenn nötig, kann sie riesige Summen freisetzen. Das sorgt bei Anlegern für Beruhigung. Darüber hinaus macht die Eurozone momentan politisch einen sehr stabilen Eindruck, konstatiert Hartmann – anders als die USA, Großbritannien oder Brasilien. "Auch China wirkt verunsichert und tritt im Umgang mit Hongkong keineswegs souverän auf." Alles in allem ist also in Europa der Grundstein gelegt für eine kräftige Konjunkturerholung im zweiten Halbjahr.

Bei allem kurzfristigen Optimismus sollten Investoren allerdings die langfristigen Probleme des Euro-Raums nicht ausblenden, mahnt der Bantleon-Experte. "Technologisch ist Europa in vielen Bereichen abgehängt", gibt er zu bedenken. Die Autoindustrie steht vor einem schwierigen Umbau, und Italiens politische und wirtschaftliche Schwächen bleiben bestehen. Viele strukturelle Probleme werden nun lediglich mit Geld überdeckt, kritisiert Hartmann. "Es besteht die Gefahr, dass in den nächsten Jahren weitere große Summen nach Südeuropa fließen müssen, was die Nordländer auf Dauer nicht hinnehmen werden", warnt er. (fp)