Die Mitgliedsstaaten der Eurozone dürften wegen der Corona-Krise im laufenden Jahr erneut hohe Schulden machen. Dabei müssen sie sich keine Sorgen darüber machen, kein Geld mehr zu bekommen: Wie bereits im vergangenen Jahr könnte die Europäische Zentralbank (EZB) auch 2021 im Rahmen ihrer Anleihekäufe die gesamte Neuverschuldung der Euroländer aufsaugen, urteilt Jörg Angelé, Ökonom der Bantleon Bank. Allein im Jahr 2020 begaben die Staaten der Eurozone Staatsanleihen und Geldmarktpapiere mit einem Gesamtvolumen von 928 Milliarden Euro – wovon der Kapitalmarkt dank der gewaltigen Anleihekäufe der Notenbank so gut wie nichts verdauen musste.

Nach 900 Milliarden Euro im vergangenen Jahr dürften sich die Netto-Anleihekäufe der EZB im laufenden Jahr auf rund tausend Milliarden Euro belaufen, schätzt Angelé. "Diesen Käufen stehen vermutlich staatliche Neuemissionen in Höhe von über 800 Milliarden Euro gegenüber", sagt er. Das ergebe sich zumindest aus der jüngsten Emissionsplanung der Euro-Mitgliedsstaaten. Angesichts der in vielen Ländern immer noch rollenden Viruswellen könnte der Wert am Jahresende aber sogar noch höher liegen. "Nichtsdestotrotz sieht es so aus, als ob die EZB erneut sämtliche neuen Schuldpapiere der Euroländer aufkaufen könnte", sagt der Ökonom.

Renditen bleiben nicht ewig tief
Der auf Hochtouren arbeitende "Schuldenstaubsauger" der Notenbank ist ein zentraler Grund dafür, dass das Renditeniveau in allen Euroländern trotz der gewaltigen Neuverschuldung des vergangenen Jahres nahe historischer Tiefststände liegt. Sobald die Konjunktur wieder anspringt, dürfte die EZB allerdings ihre Anleihekäufe im Rahmen des Corona-Notprogramms PEPP reduzieren, prognostiziert Angelé. "Wahrscheinlich erscheint uns eine Reduzierung der Käufe im ersten Halbjahr 2022 und eine Einstellung der Nettokäufe Ende nächsten Jahres." Der Volkswirt geht nicht davon aus, dass die Notenbank das Programm noch einmal aufstockt. Zugleich rechnet er damit, dass die Renditen lang laufender Euro-Staatsanleihen in den kommenden Monaten moderat steigen. (fp)