Wie trennt man als Anleger wichtige Informationen von belanglosem Hintergrundrauschen? Durch Erfahrung, Expertise – und Adaption, sagt Bert Flossbach, Vorstand der renommierten Kölner Investmentboutique Flossbach von Storch (FvS). Erfahrung allein hilft nicht unbedingt weiter, denn nicht immer kann man aus der Vergangenheit Schlüsse auf die Gegenwart ziehen. "Die Corona-Pandemie hat eindrucksvoll gezeigt, dass sich die Dinge auch völlig anders als früher entwickeln können", erklärt Flossbach. Ein großer Erfahrungsschatz habe in der Viruskrise nicht immer geholfen, das habe er selbst feststellen müssen. "Zusätzlich bedarf es der Adaption", sagt der Vermögensprofi deshalb. Man muss seine Erfahrungen also mit aktuellen Erkenntnissen in Einklang bringen.

Erfahrene Anleger neigen mitunter dazu, auf Börsenneulinge – von denen es seit Krisenbeginn viele gibt – verächtlich herabzuschauen. Folgt man Flossbachs Argumentation, gibt es dazu keinen Grund: Anders als manch älterer Investor zeichnen sich Jung-Anleger nämlich durch eine hohe Adaptionsfähigkeit aus. Für den Börsennachwuchs besteht die Herausforderung eher darin, genügend Expertise anzuhäufen, um das Ertragspotenzial eines Unternehmens einschätzen zu können. "Insofern waren die vergangenen Monate sowohl für erfahrene als auch für weniger erfahrene Investoren oder Analysten lehrreich", konstatiert Flossbach.

Mit offenen Augen in die neue Welt gehen
Die "alten Hasen" wurden von der Resilienz vermeintlich riskanter Tech-Unternehmen überrascht, stellt der FvS-Chef fest. Junge Investoren mussten wiederum lernen, dass die Kurse ihrer geliebten Technologieaktien auch fallen können. Niemand sollte glauben, bereits alles über den Kapitalmarkt zu wissen: "Es gilt, die Neugier auf neue Geschäftsmodelle und aufstrebende Unternehmen mit der Expertise zu kombinieren, deren zukünftige Ertragspotenziale und Risiken möglichst realistisch einzuschätzen und angemessen zu bewerten", sagt Flossbach.

Die Wirtschaft dürfte in der kommenden Zeit tiefgreifenden Veränderungsprozessen unterworfen sein. "Die Corona-Pandemie wirkt als Katalysator für die Digitalisierung, die neue Geschäftsmodelle schneller entstehen und reifen lässt als früher", sagt der Anlageexperte. Diese Entwicklung birgt Herausforderungen für etablierte Unternehmen, zugleich aber auch große Chancen. Es könne nicht darum gehen, die Wirtschaftswelt in Gewinner und Verlierer der Corona-Krise einzuteilen, erklärt Flossbach. Man müsse vielmehr die langfristigen Perspektiven von Firmen bewerten. "Die dazu erforderliche Adaption bedeutet sowohl Offenheit für neue Geschäftsmodelle als auch ein kritisches Hinterfragen der Zukunftsfähigkeit altbekannter Unternehmen." (fp)