Die großen Investmentbanken der Wall Street zeigen sich nach dem Börsengang von SpaceX ausgesprochen optimistisch. Mehr als ein Dutzend Analystenhäuser, darunter Morgan Stanley, JP Morgan Chase und Goldman Sachs, nahmen die Aktie nach Ablauf der üblichen "Quiet Period" mit Kaufempfehlungen oder gleichwertigen Ratings in die Bewertung auf. Das geht aus von "Bloomberg" ausgewerteten Daten hervor.

Bemerkenswert ist dabei der Bewertungsunterschied: Während die Konsortialbanken die Aktien beim Rekord-Börsengang zu 135 US-Dollar platziert hatten, sehen ihre Analysten den fairen Wert nun im Durchschnitt bei 236 Dollar je Aktie. Das entspricht einem Kurspotenzial von rund 58 Prozent gegenüber dem Schlusskurs vom Dienstag (7.7.) bei 149,47 Dollar.

Langfristige Wachstumsstory im Fokus
Die Analysten begründen ihre positiven Einschätzungen vor allem mit den langfristigen Wachstumsperspektiven des Unternehmens. Zwar bestehen weiterhin Fragen hinsichtlich Profitabilität, Umsetzung und Bewertung, dennoch setzen viele Experten auf die künftige Entwicklung des Raumfahrt- und Technologiekonzerns.

Am optimistischsten zeigt sich Raymond James Financial. Die US-Investmentbank startet die Beobachtung mit einer "Strong Buy"-Empfehlung und einem Kursziel von 800 Dollar – dem höchsten an der Wall Street. Dieses liegt fast 500 Prozent über dem Ausgabepreis. "Wir glauben, dass SpaceX – ähnlich wie Eisenbahnen, Stromnetze oder das Internet in früheren Epochen – die grundlegende Plattform für die nächste Generation industrieller Kapazitäten aufbaut", schrieb Analyst Brian Gesuale.

KI und Starlink als wichtigste Wachstumstreiber
Morgan Stanley zählt ebenfalls zu den größten Optimisten und nennt ein Kursziel von 300 Dollar. Die Analysten sehen insbesondere Chancen durch die stark wachsende Nachfrage nach Dienstleistungen rund um künstliche Intelligenz. "Während Geschäfte mit sogenannten Neocloud-Anbietern kurzfristig den Großteil des Geschäfts ausmachen, sehen wir End-to-End-KI-Dienstleistungen als langfristiges Geschäftsmodell", schrieben die Analysten um Adam Jonas.

Auch "Bloomberg Intelligence" geht davon aus, dass die künftige Ertragsentwicklung weniger vom klassischen Raketengeschäft als vielmehr von KI-Anwendungen und dem Satellitennetzwerk Starlink geprägt sein wird.

Skepsis trotz positiver Analystenstimmen
Nicht alle Marktbeobachter teilen jedoch den Optimismus. Joe Gilbert, Portfoliomanager bei Integrity Asset Management, bezeichnete die positiven Einstufungen als weitgehend erwartbar. Die Wall Street neige traditionell zu einer optimistischen Haltung gegenüber Neuemissionen. Die SpaceX-Aktie sei "eine langfristige Option auf Musks Vision". Anleger sollten jedoch vorsichtig sein, kurzfristig hohe Renditen zu erwarten. Diese könnten bereits von frühen privaten Investoren vereinnahmt worden sein.

Generell gelten Analysten an der Wall Street als ausgesprochen positiv. Laut "Bloomberg" entfallen bei den 3.000 größten US-Unternehmen rund 63 Prozent aller Analystenempfehlungen auf "Kaufen". Verkaufsempfehlungen machen lediglich 4,2 Prozent aus.

Große Spannbreite bei den Kurszielen
Auch Mark Malek, Chief Investment Officer von Siebert Financial, mahnt zur Vorsicht. Er würde zwar angesichts von Musks Erfolgsbilanz nicht gegen den Unternehmer wetten, müsste jedoch noch davon überzeugt werden, dass SpaceX in den kommenden zwölf Monaten tatsächlich um mehr als 50 Prozent zulegen könne.

Die enorme Spannweite der Kursziele verdeutlicht die Unsicherheit: Während Raymond James 800 Dollar für möglich hält, liegt das niedrigste Kursziel an der Wall Street bei lediglich 62 Dollar. Hinzu kommt, dass die Aktie nach einem starken Börsendebüt zuletzt unter Druck geraten ist. Am Dienstag (7.7.) verlor sie 6,8 Prozent und notiert inzwischen mehr als 25 Prozent unter ihrem Schlussrekord vom 16. Juni.

Indexaufnahme sorgt für zusätzliche Nachfrage
Unterstützung dürfte der Aktie nach Einschätzung mehrerer Analysten durch ihre Aufnahme in wichtige Aktienindizes zufließen. Aufgrund geänderter Regeln konnte SpaceX bereits kurz nach dem Börsengang in den Nasdaq-100-Index aufgenommen werden. Ende Juni erfolgte zudem die Aufnahme in den Russell 1000.

"Bloomberg Intelligence" schätzt, dass allein die Aufnahme in den Nasdaq 100 sowie die FTSE-Russell-Indizes Käufe indexnachbildender Fonds von mindestens 5,4 Milliarden Dollar auslösen dürfte. David Trainer, Chef des Analysehauses New Constructs, erwartet dadurch zwar geringere Kursschwankungen. Gleichzeitig warnt er jedoch, dass sich die Börsenbewertung derzeit deutlich von den fundamentalen Unternehmensdaten entfernt habe. (mb/Bloomberg)