"Unfassbar vermurkst" und "eines stolzen Industrielandes nicht würdig": Mit diesen drastischen Worten beschreibt Martin Lück, Kapitalmarktstratege beim Fondsanbieter Blackrock, die deutsche Corona-Strategie. Die Pandemie habe die Berliner Politik zum Beben gebracht. "Entsetzt stellt das Wahlvolk fest, dass uns 16 Jahre Vertrauen auf Angela Merkels abwägenden, risikoaversen Politikstil zwar auf oft wohltuende Weise sediert, unter der Oberfläche die Zukunftsfähigkeit dieses Landes aber schleichend erodiert hat", erklärt Lück. 

Diejenigen, die sich als ihre Nachfolger ins Spiel bringen, versprechen kaum Besserung. Den Strategen überrascht es deshalb wenig, dass die CDU/CSU in der Sonntagsfrage weiter auf bis zu 27 Prozent abgerutscht ist und langsam in Sichtweite der Grünen gerät. "Das verspricht spannende nächste Monate im Hinblick auf die Bundestagswahl Ende September", sagt Lück.

Europa hinkt hinter China und den USA hinterher
Europaweit sieht die Lage wenig besser aus, zumindest konjunkturell. Zwar soll das europäische Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr Prognosen zufolge um immerhin 3,7 Prozent wachsen. Damit steht der Kontinent aber im globalen Vergleich hinten an. Die USA rechnen mit rund 6,5 Prozent Wachstum, China mit sechs Prozent. Europas verhaltene Erholung wiegt umso schwerer, als die Rezession im vergangenen Jahr einen wesentlich dramatischeren BIP-Einbruch mit sich brachte, als dies in China oder den Vereinigten Staaten der Fall war – nämlich um rund sieben Prozent.

Das liegt zum Teil an der Langsamkeit der fiskalpolitischen Antwort auf die Pandemie, die sich nicht nur bei der "unerklärlich schlampigen" Auszahlung von Corona-Hilfen an bedürftige Unternehmen in Deutschland manifestierte. "Darüber hinaus liegt Europa auch beim Impfen der Bevölkerung deutlich hinter den USA, während sich China aufgrund der strengen Kontrolle über das Infektionsgeschehen beim Impfen mehr Zeit lassen kann", sagt Lück. Als Folge könnte sich Europas ökonomischer Neustart um fünf bis sechs Quartale länger nach hinten verschieben als in China, sowie um ein bis zwei Quartale gegenüber den USA. (fp)