So gut wie keine Zinsen für Erspartes, und dann steigt auch noch die Inflation: Die Angst vor realen Wertverlusten treibt immer mehr Menschen dazu, ihr Geld in Wertpapiere zu investieren. Doch sind die Märkte angesichts historisch hoher Kurse nicht bereits hoffnungslos überhitzt? Martin Lück, Chefstratege der US-Investmentgesellschaft Blackrock, sieht das anders: "Wir gehen von einem dauerhaften Regimewechsel zwischen Zinsen, Inflation und Unternehmensgewinnen aus. Da haben die alten Bewertungen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis keine Aussagekraft mehr", sagt er gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ). Man müsse heute den Risikoaufschlag zu den Zinsen einbeziehen. "Dann sind viele Aktien noch nicht überteuert."

Lück sieht insbesondere am europäischen Markt spannende Anlagechancen: "Der jüngste Einkaufsmanagerindex und der Ifo-Index sprechen dafür, dass wir in Europa vor einem dynamischen Neustart stehen." Vor allem zyklische Sektoren wie die Industrie, aber auch die Technologie- und die Finanzbranche haben seiner Ansicht nach Aufholpotenzial. Der US-Technologiesektor ist im Vergleich zum europäischen deutlich teurer. Das bedeutet aber nicht, dass Investoren amerikanische Tech-Titel jetzt links liegen lassen sollten. Im Gegenteil: "Mit der wachsenden Bedeutung von Quant-Computing, Künstlicher Intelligenz, selbstfahrenden Autos und grüner Technologie hat der Technologiesektor noch reichlich Entwicklungspotenzial", ist sich Lück sicher.

Klimakrisen sind Investmentkrisen
Zu Vorsicht rät der Blackrock-Experte bei Schwellenländern. Nicht nur, dass ihre Wirtschaft von der Corona-Pandemie besonders hart getroffen wurde. In einigen Fällen wie Brasilien oder Indien kam auch noch politisches Versagen hinzu, so der Stratege. Außerdem fehle es den Emerging Markets an Finanzstärke, um die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise abzufedern. "Mit Investitionen in Schwellenländer sollte man also sehr selektiv vorgehen", mahnt Lück im FAZ-Gespräch. China wird von Blackrock übrigens nicht mehr als klassisches Schwellenland eingeordnet. Anleger müssen zwar bei Investitionen in die Volksrepublik geopolitische Risiken einkalkulieren, so Lück. Die wirtschaftliche Stärke des Landes spreche aber für mehr China im Portfolio.

Angesprochen auf die anstehende Bundestagswahl in Deutschland und die Möglichkeit einer grünen Bundeskanzlerin zeigt sich Lück gelassen: "Das sollte nicht so ein großer Politikwechsel werden, weil die großen grünen Themen wie Klima und Europa heute auch schon in der Union angekommen sind." Den meisten Anlegern sei bewusst, dass Klimakrisen auch Investmentkrisen seien. "Schon deshalb sollte eine generelle Ausrichtung auf ein klimafreundliches Portfolio im Interesse jedes Anlegers liegen", so der Investmentstratege. (fp)