Eigentlich schien die Türkei wirtschaftlich auf einem guten Weg – bis Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan vor wenigen Tagen überraschend Notenbankchef Naci Agbal schasste. "Unter Agbals Führung hatte die türkische Zentralbank die Zinsen in den vergangenen sechs Monaten um mehr als 800 Basispunkte angehoben und damit ihre Entschlossenheit gezeigt, die horrende Inflation zu senken", sagt Mark Dowding, Anlagechef von Bluebay Asset Management. Erdogan gefielen die Zinsanhebungen allerdings nicht. "Er und seine Entourage vertreten die Auffassung, dass hohe Inflation eigentlich das Produkt hoher Zinsen ist – eine Theorie, die sich nur in den wenigsten Wirtschaftsbüchern findet", sagt Dowding. 

Die Folge von Erdogans Personal-Streich: Investoren flüchten in Scharen aus türkischen Vermögenswerten, die lokale Währung befindet sich einmal mehr im freien Fall. Anleger fürchten einen politischen Kurs, der zu einer noch höheren Inflation, einer Flucht aus Kapitalanlagen und einer möglichen Zahlungsbilanz- und Finanzierungskrise führen wird, erklärt der Bluebay-Manager. Die Lira stürzte nach Bekanntgabe von Erdogans Notenbank-Rochade zeitweise um bis zu 20 Prozent ab, die Risikoaufschläge türkischer Staatsanleihen weiteten sich umgehend um 150 Basispunkte (1,5 Prozent) aus.

Wachsamkeit zahlt sich aus
Die Krise blieb nicht auf die Türkei beschränkt, sondern zieht andere Schwellenländer in Mitleidenschaft. Die Staatsanleihen vieler aufstrebender Volkswirtschaften sind unter Druck, weil Investoren in Qualitätstitel flüchten, berichtet Dowding. "Die Ereignisse erinnern an die Risiken von Schwellenländer-Anlagen", sagt er. Es gibt allerdings auch gute Nachrichten: Erstens ist der Schaden, den Erdogan angerichtet hat, bislang überschaubar. Zweitens zeigt sich Dowding zufolge, dass sich Wachsamkeit und Reaktionsschnelligkeit am Markt auszahlen – insbesondere dann, wenn die Preise von Vermögenswerten möglicherweise ohne fundamentalen Grund fallen und nur wegen der Angst vor Ansteckungseffekten korrigieren. (fp)