An der Schweizer Börse herrscht im laufenden Jahr in Sachen IPOs eine geradezu gespenstische Stille. Der einzige Börsengang, den es dort 2020 offiziell geben sollte, wurde in der vergangenen Woche abgesagt. Wie die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) berichtet, hat das Immobilienunternehmen Epic seinen Sprung aufs Börsenparkett verschoben – nach eigenen Angaben "aufgrund der Marktbedingungen". Ein von der NZZ befragter Fondsmanager geht dagegen davon aus, dass der wahre Grund anderswo liegt, weil die Nachfrage nach Immobilienaktien gesättigt ist und eine kleine Gesellschaft wie Epic kein großes Interesse von Investorenseite erfahren hätte.

Zu Jahresbeginn rechneten eidgenössische Anleger noch damit, dass zumindest zwei Unternehmen im laufenden Jahr einen Börsengang wagen würden. Dabei handelte es sich allerdings ausgerechnet um einen aus einem Reisekonzern hervorgegangenen Visa-Dienstleister und einen Betreiber von Verpflegungsautomaten. Die Coronakrise hat sowohl der Reisebranche als auch dem Geschäft mit Brufspendlern arg zugesetzt. Die einstigen IPO-Anwärter VFS Global und Selecta dürften sich deshalb von der Börse erst einmal fernhalten.

Zu hohe Kosen? Oder doch Corona?
Der Mangel an IPOs ist ein Problem für Schweizer Anlageprofis, denn die Börse braucht regelmäßig frisches Blut. Immer wieder verschwinden Aktien in hohe Zahl vom Markt, weil Unternehmen übernommen werden oder mit anderen Firmen fusionieren. "Wir würden neue Unternehmen an der SIX sehr begrüßen", sagt ein nicht namentlich genannter Vermögensverwalter in der NZZ. Zugleich zeigt er allerdings Verständnis für Firmen, die keine Börsennotierung anstreben: Aufwand und Ausgaben dafür seien speziell in der Schweiz sehr hoch. Frisches Kapital könne man sich anderswo günstiger beschaffen, etwa über Private-Equity-Gesellschaften.

Ein IPO-Experte führt die aktuelle Blutarmut der Swiss Exchange (SIX) zumindest teilweise auf die Covid-19-Pandemie zurück. Weil IPOs einen Vorlauf von zirka sechs Monaten bräuchten, müssten heutige Börsengänge mitten in der ersten Viruswelle geplant worden sein. "Zudem ist die Schweiz ein kleiner Markt, da ist es manchmal zufällig, wenn viele oder keine Unternehmen an die Börse wollen", sagt der Experte. Es gibt also Hoffnung, dass der Patient bald doch noch die dringend benötigte Bluttransfusion bekommt. (fp)