Fondsmanager: Was der Fall Situational Awareness wirklich aussagt
Vom visionären KI-Investor zum unerfahrenen Manager, der sich übernommen hat – im Fall von Leopold Aschenbrenner ist die öffentliche Wahrnehmung binnen weniger Tage gekippt. Für Benjamin Bente von Vates Invest ein Anlass, um auf einige Dinge hinzuweisen, die sich hinter den Schlagzeilen verbergen.
Der auf künstliche Intelligenz (KI) spezialisierte Hedgefonds Situational Awareness von Leopold Aschenbrenner hat Ende Juli nach massiven Kursverlusten einen großen Teil seines Portfolios in Notverkäufen losschlagen müssen. Benjamin Bente, Geschäftsführer von Vates Invest, erinnert daran, dass Situational Awareness noch vor Kurzem eine der heißesten Geschichten der Finanzindustrie war: "Nun ist die Erzählung gekippt." Aus dem visionären KI-Investor sei binnen weniger Handelstage ein unerfahrener Manager geworden, der sich mit zu viel Hebel übernommen habe. Dieses Muster sei nicht neu: "Auf dem Weg nach oben gilt Konzentration als Überzeugung und Hebel als Ausdruck besonderen Könnens. Dreht der Markt, werden dieselben Eigenschaften zum Beweis dafür, dass der Erfolg nie tragfähig gewesen sei."
Interessant am aktuellen Fall ist für Bente indes vor allem die in Medien genannte Zahl vor dem Rückschlag: "439 Prozent in sechs Monaten sind kein Analyseergebnis. Eine solche Rendite spricht für extreme Konzentration, den Einsatz von Derivaten, Fremdkapital oder eine Kombination daraus. Wer sie sieht, sollte deshalb nicht zuerst über einen Einstieg nachdenken, sondern über das Risikobudget des Managers. Die Rendite war damit bereits die entscheidende Information – nicht erst der Drawdown, der ihr folgte", schreibt der Börsen-Profi in einem aktuellen Kommentar.
"Hier liegt der eigentliche Konstruktionsfehler"
Das bedeute nicht, dass die Analyse falsch war, so Bente. Aschenbrenner habe früh erkannt, wie physisch der KI-Ausbau sei. Rechenzentren bräuchten Strom, Netzanschlüsse und Kühlung. Vor allem benötigten sie Anschlusskapazität, die sich nicht innerhalb von zwölf Monaten herbeibauen lasse. "Genau auf diese Engpässe zielten seine Investments. Damit lag er richtig – möglicherweise über Jahre", stellt Bente fest. Zwischen einer richtigen These und einer tragfähigen Strategie liege allerdings ein entscheidender Unterschied: "Ein Unternehmen kann langfristiger Gewinner eines strukturellen Trends sein und seine Aktie trotzdem zwischenzeitlich 50 oder 70 Prozent verlieren."
Für einen ungehebelten Investor sei das schmerzhaft. Für einen kreditfinanzierten Fonds könne es existenziell werden. "Hier liegt der eigentliche Konstruktionsfehler. Er hat weniger mit Erfahrung zu tun als mit Fristigkeit", erläutert der Vates-Invest-Portfoliomanager. "Wer eine These über ein Jahrzehnt formuliert, sie aber mit Kapital finanziert, das täglich neu bewertet und im Zweifel kurzfristig nachbesichert werden muss, hat die Entscheidung über sein Schicksal aus der Hand gegeben – nicht an den Markt, der ihm irgendwann recht geben mag, sondern an den Risikomanager einer Bank, der bis dahin nicht warten muss."
"Wichtigsten Teil des Prozesses aus der Hand gegeben"
Nach 30 Jahren am Kapitalmarkt sei für ihn eine Erfahrung zentral: "Den größten Schaden richtet häufig nicht die falsche These an, sondern die richtige These in der falschen Größe." Sobald ein vorübergehender Rückschlag eine Zwangsentscheidung auslöse, habe der Investor den wichtigsten Teil seines Prozesses aus der Hand gegeben. "Bei Vates dimensionieren wir eine Position vom möglichen Drawdown her und stellen uns stets zunächst die Frage: Wie groß darf die Position sein, damit wir in allen Markteventualitäten stets unsere Drawdown-Ziele einhalten können?", so Bente.
Liquidität sei in diesem Verständnis kein unproduktiver Rest des Portfolios, sondern die Voraussetzung, stets handlungsfähig zu bleiben. Denn über die Qualität eines Portfolios entscheide nicht allein, wie stark es in einem guten Markt steige, sondern vor allem, ob es einen schlechten Markt überstehe.
"Ob Aschenbrenner ein Ausnahmetalent ist, entscheidet dieser Juli nicht", resümiert Bente. "Der Fall zeigt vor allem, wie schnell die Finanzindustrie Ergebnisse mit Fähigkeiten verwechselt – erst auf dem Weg nach oben und anschließend auf dem Weg nach unten." (fp)















