Bond-Experte: Demografie und Verschuldung sind kein Grund zur Panik
Wirtschaftswachstum und Prosperität sind trotz steigender Schulden und einer alternden Bevölkerung möglich, sagt Bastian Freitag von Rothschild & Co.
Eine alternde Bevölkerung und hohe Schuldenstände gelten global häufig als strukturelle Belastungsfaktoren für Wachstum und Kapitalmärkte. Doch das will Bastian Freitag, Head of Fixed Income bei Rothschild & Co Wealth Management Deutschland, nicht so einfach stehen lassen. Entscheidend seien nicht isoliert betrachtete demografische oder fiskalische Kennzahlen – sondern Produktivität, institutionelle Stabilität und wirtschaftspolitische Handlungsfähigkeit.
Alterung bedeutet nicht immer wirtschaftliche Schwäche
Die Finanzierung von Renten werde generell oft als Belastung zukünftiger Generationen dargestellt. Tatsächlich würden die von Ruheständlern konsumierten Güter und Dienstleistungen jedoch überwiegend von der jeweils erwerbstätigen Bevölkerung produziert. Entscheidend sei daher weniger das Durchschnittsalter einer Gesellschaft, sondern ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. "Eine alternde Volkswirtschaft muss entweder stärker umverteilen – oder produktiver sein. Ersteres ist eine politische Frage, Letzteres eine ökonomische: Können wir wachsen?" Seine Antwort auf diese Frage für die großen Industriestaaten lautet klar: "Ja."
Zudem müsse eine alternde Gesellschaft nicht zwangsläufig zu Arbeitskräftemangel führen. "Erwerbsquoten, Arbeitszeiten, Renteneintrittsalter und Arbeitslosigkeit sind variabel", verfolgt Bastian Freitag diesen Gedanken weiter. Selbst wenn das Arbeitskräftepotenzial ausgeschöpft wäre, entstehe der Großteil des Wirtschaftswachstums vor allem durch Produktivitätsgewinne. Zwar habe sich das globale Produktivitätswachstum seit der Finanzkrise 2008 verlangsamt. Von Stillstand könne jedoch keine Rede sein – zuletzt zeigten sich sogar in einigen Volkswirtschaften wie den USA Stabilisierungs- bis Wachstumstendenzen.
Innovationen sind entscheidend
Innovation bleibe der zentrale Hebel. "Wir sind zwar skeptisch, ob künstliche Intelligenz allein den großen Produktivitätsschub auslösen wird. Aber es gibt zahlreiche weitere Innovationsfelder, beispielsweise im Zusammenhang mit der Energiewende, die erhebliches Potenzial bergen", so Freitag. In der Vergangenheit hätten neue Technologien zwar kurzfristig Beschäftigungsstrukturen verändert, langfristig jedoch zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen.
Auch beim Thema Verschuldung warnt Freitag vor vorschnellen Schlüssen. "Die makroökonomische Bedeutung von Schulden wird häufig überschätzt", erklärt Freitag. Natürlich sei eine leichtfertige staatliche Kreditaufnahme nicht wünschenswert. Doch Schuldenquoten allein würden nur wenig über die Tragfähigkeit aussagen. "Selbst eine staatliche Schuldenquote von 100 Prozent muss nicht zwangsläufig in eine Schuldenspirale führen. Über Jahrzehnte können bereits kleine Unterschiede beim Einnahmen- oder Ausgabenwachstum den Unterschied machen zwischen einer Verdoppelung der Schuldenquote und ihrem schrittweisen Rückgang. Voraussetzung sind konsistente politische Rahmenbedingungen."
Anpassungsfähigkeit bleibt zentral
Weder demografische Alterung noch hohe Schuldenquoten bedeuten aus Sicht Freitags zwangsläufig wirtschaftlichen Niedergang oder dauerhaft niedrige Kapitalmarktrenditen. Entscheidend seien Produktivitätsentwicklung, institutionelle Stabilität und die Fähigkeit von Politik und Wirtschaft, auf veränderte Rahmenbedingungen zu reagieren. "Volkswirtschaften sind anpassungsfähiger, als viele strukturelle Pessimisten unterstellen", resümiert Freitag. Für Investoren bedeute das: Nicht Schlagworte wie "Überalterung" oder "Schuldenexplosion" sollten im Vordergrund stehen, sondern die Frage, wie innovationsfähig, flexibel und institutionell robust eine Volkswirtschaft tatsächlich sei. (jh)














