In der Finanzwelt klingt es oft nach Medizin: Man fühlt den Puls des Marktes, beurteilt die finanzielle Gesundheit, diagnostiziert übermäßigen Stress. Wenn es um Hochzinsanleihen geht, sind die Parallelen besonders auffallend, meint Bernard Lalière, Leiter des Credit-Teams bei DPAM. Auch hier geht es um Anamnese, Diagnose und Prognose.

High Yield: Anamnese und Diagnose
Wie ein Arzt den Hintergrund des Patienten untersucht, so beginne ein High-Yield-Manager mit dem gesamtwirtschaftlichen Umfeld, erläutert Lalière: "Geschäftsklima, Inflationserwartungen, Liquiditätsbedingungen, Ausfalltrends und das Volumen der Bankkredite liefern wichtige Informationen." Dabei beobachtet er auch Marktindikatoren, die in der Vergangenheit Wendepunkte im Kreditzyklus signalisiert haben. Doch politische Schocks, geopolitische Entwicklungen oder plötzliche Liquiditätsengpässe können den Verlauf schnell verändern.

Es folgt die Bottom-up-Analyse: "So wie ein Arzt sich mit der Krankengeschichte, den Gewohnheiten und Symptomen des Patienten beschäftigt, wird bei Hochzinsanleihen das Geschäftsmodell analysiert", so der Experte. Dabei fragt er sich etwa: "Warum greift das Unternehmen auf die Kapitalmärkte zurück? Ist die Verschuldung strukturell oder vorübergehend? Finanziert der Emittent Wachstum, refinanziert er Fälligkeiten oder gleicht er operative Belastungen aus?"

Verschuldungsgrade, Zinsdeckung, Fälligkeitsprofile von Schulden und Covenant-Strukturen werden unter die Lupe genommen. Lalière: "Neben Kennzahlen muss der freie Cashflow aus der Gewinn- und Verlustrechnung abgeleitet und untersucht werden, das Lebenselixier jedes Emittenten." Die Bilanzanalyse verfeinert die Diagnose weiter. Hier wird ermittelt, wie der Emittent in Bezug auf die Qualität der Vermögenswerte, die Liquiditätspuffer und die Kapitalstruktur abschneidet. "Werden die Risiken angemessen kompensiert oder vom Markt falsch bewertet?“, steht für Lalière dabei im Mittelpunkt.

Portfoliokonstruktion als Therapieplan
Doch die Parallelen zur Medizin gehen weiter: "Dem individuellen Therapieplan in der Medizin entspricht bei Hochzinsanleihen die Portfoliokonstruktion", sagt der DPAM-Experte. "Der Fondsmanager muss Anleihen auswählen, die attraktive Renditen bieten und das Verlustrisiko unter Kontrolle halten." Der Referenzindex diene dabei als Bezugspunkt, auch wenn seine Zusammensetzung lediglich das Volumen der am Markt begebenen Schuldtitel widerspiegelt. Ein zweites Schlüsselelement sei die ausreichende Diversifizierung über verschiedene Emittenten hinweg. Diversifizierung, sorgfältige Auswahl und ein tiefes Verständnis der Branchendynamik seien für diszipliniertes Investieren unerlässlich.

In der Medizin verbessern sich die Ergebnisse, wenn die Diagnose gründlich, die Behandlung sorgfältig und die Nachsorge konsequent erfolgt, so Lalière: "Bei Hochzinsanlagen kann dasselbe Vorgehen zu gesunden, langfristigen Ergebnissen führen." Angesichts der gestiegenen Bewertungen dürfte es in Zukunft freilich noch stärker auf eine gründliche Untersuchung ankommen. (jh)