Die frühere britische Premierministerin Theresa May (2016-2019) kritisiert das zu Jahresende 2020 in letzter Sekunde errungene Brexit-Abkommen als vorteilhaft für die EU und nachteilig für Großbritannien, da die wichtige Finanzindustrie nicht ausreichend behandelt worden sei. "Ich hätte mir einen Deal mit mehr Details für Finanzdienstleistungen erhofft. Das verhandelte Abkommen ist ein Waren-Deal, was für die EU von Vorteil ist, aber es ist kein Deal für die Finanzservices, wovon Großbritannien profitiert hätte", so May im Rahmen einer Veranstaltung des Pariser Fondsanbieters Amundi.

Sie gehe davon aus, dass weitere Verhandlungen stattfinden, die das Verhältnis zwischen EU und Großbritannien bezüglich des Finanzsektors besser definieren, so May. Auch sonst gab sie sich mit dem Blick auf Europa kritisch.

Europa zu starr
"Die Lehre, die die EU mitnehmen könnte, ist eine größere Flexibilität", sagte May. Wenn es eine Botschaft gebe, dann jene, dass man nicht eine EU schafft, die zu sehr auf politische Integration abzielt und die "zu starr" ist. Es müssten sich nicht immer "alle zur gleichen Zeit bewegen". Das richtige Konzept sei ja bereits vorhanden, schließlich seien auch nicht alle Staaten Euro- oder Schengenmitglied. Man müsse diese vorhandene Flexibilität anwenden, damit sich künftig alle Staaten in der EU wohl fühlen.

Großbritanniens Fokus nach dem Brexit liege darauf, sich wieder anderen Regionen der Welt anzunähern, die während der Zeit der EU-Mitgliedschaft als Handelspartner in den Hintergrund geraten waren. Dieser Gedanke der bilateralen Handelsverträge sei auch ein wesentlicher Treiber für den Brexit gewesen. Das bereits erzielte Freihandelsabkommen mit Japan gehe etwa über die bisherigen Möglichkeiten als EU-Mitglied hinaus, so May. Man müsse sich nun nicht mehr so sehr auf europäische Interessen konzentrieren.

Verhältnis zu USA mit Biden "normaler"
Ein großer Brocken, der voraussichtlich nicht zu schnell gestemmt werde kann, sei ein Abkommen mit den USA. "Deals mit den USA brauchen immer viel Zeit", so May. Sie geht davon aus, dass es unter dem neuen US-Präsidenten Joe Biden es eine "normalere" Beziehung gibt, als unter dem streitbaren Donald Trump. Es gebe zwar in der politischen Welt generell einen Trend zum Absolutismus: "wenn du nicht 100 Prozent für mich bist, bist du gegen mich", so May. Aber Biden habe immerhin die Rückkehr ins Pariser Klimaabkommen angekündigt und damit Dialogbereitschaft signalisiert. Die Chancen für Kompromisse würden unter Biden steigen, so May. (eml)