Glaubt man den Worten von Didier Saint-Georges, dann müssen sich Aktien-Anleger derzeit ein wenig wie im Zirkus fühlen: "Wie ein Drahtseilartist" hätten die Aktienmärkte bis Ende April ihre Gradwanderung fortgesetzt, sagt der Carmignac-Stratege. Da war einerseits die sich erholende Wirtschaft. Und auf der anderen Seite die unschlüssige geldpolitische Unterstützung. Ab Mai drohte das Gleichgewicht dann zu kippen: "Durch die Auswirkungen der immer härter werdenden Haltung der Trump-Administration in ihren Handelsgesprächen mit China wurden Anleger daran erinnert, wie zerbrechlich dieses Gleichgewicht ist", sagt Saint-Georges.

Der Anlagestratege sieht im zunehmenden Protektionismus einen der größten Risikofaktoren für die Märkte. "Zum ersten Mal seit dreißig Jahren könnte die Geopolitik den Welthandel massiv beeinträchtigen", sagt er. Denn die USA unter Donald Trump würden nicht mehr an die Vorzüge des Freihandels glauben, als dessen Opfer sie sich sehen. "Stattdessen bevorzugen sie die energische Nutzung eines günstigen Kräfteverhältnisses gegenüber ihren Handelspartnern, um das Land durch die Produktion von Handelsüberschüssen und die Unterstützung heimischer Investitionen in die Industrie zu bereichern", so Saint-Georges.

Gefahr einer dauerhaften Störung
Der Anlagestratege glaubt, dass sich die protektionistische Haltung der USA früher oder später auf alle Länder der Welt ausweiten wird – angefangen bei Deutschland und Japan. Investoren sollten sich deshalb gedanklich von dem Modell der "glücklichen Globalisierung" der vergangenen Jahre distanzieren, rät Saint-Georges. Stattdessen sollten sie die dauerhafte Gefahr einer Störung der weltweiten Logistikketten in ihre strategischen Überlegungen miteinbeziehen. (fp)