Banken wissen zwar viel über ihre Kunden, aber mitunter wenig über ihre eigenen Prozesse und Schwachstellen. "Bei vielen Banken stellt die schlechte Datenqualität ein Problem dar", warnt Andrea Enria. Einige Institute seien nicht einmal in der Lage, ein vollständiges Bild ihrer Risikolage einschließlich Tochterfirmen und Zweigstellen zu liefern, kritisiert der Chef-Bankenaufseher der Europäischen Zentralbank (EZB) im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" (SZ).

Eine miserable, lückenhafte Datenlage ist für Banker ein Problem. Haben sie nicht alle wichtigen Informationen zur Hand, können sie keine guten Entscheidungen treffen. "Die Aufsichtsräte der Banken müssten dem Management häufig genauer auf die Finger schauen", meint Enria und kündigt an: "Darauf werden wir als Aufseher künftig stärker achten."

Aufseher können nicht alle Risiken wegverwalten
Insgesamt ist der Bankensektor heute deutlich besser aufgestellt als vor und bei Ausbruch der Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009, ist Enria überzeugt. "Die Bankmanager denken bei ihren Geschäften aber immer noch zu sehr an kurzfristige Profite", kritisiert er im SZ-Interview. Diese Gier hat die Krise mit verursacht. Kreditinstitute sollten sich stärker um langfristige Risiken und nachhaltige Erträge kümmern, fordert der EZB-Aufseher. Sie sollten beispielsweise prüfen, ob sie die Klimakrise in Geschäftsentscheidungen und beim Risikomanagement ausreichend berücksichtigen.

Enria bricht im SZ-Gespräch eine Lanze für den schwierigen Job der Bankenaufseher. Er und seine Kollegen bemühten sich um Transparenz und darum, ihre Arbeit der Öffentlichkeit zu erklären. Dazu gehöre auch, zu verdeutlichen, warum die Bankenaufsicht nicht sämtliche Krisen und Schieflagen verhindern kann. "Wir sind eine Behörde, kein allmächtiger Leviathan, der alles vorschreiben kann, die Höhe der Einlagenzinsen, die Gehälter", so Enria. "Genau das ist nicht unsere Rolle." (fp)