In den Baissephasen der Aktienmärkte – wenn also die Notierungen um 20 Prozent oder mehr nachgeben – treten üblicherweise vermehrt volatile Handelsspannen auf, die durch niedrigere Hochs wie auch niedrigere Tiefs gekennzeichnet sind. Als Bärenmarktrally werden dabei die kurzzeitigen Aufwärtsbewegungen innerhalb dieser Handelsspannen während solcher säkularen Rückgänge bezeichnet, wenn technische Faktoren die Märkte vorübergehend ansteigen lassen, bevor sich wieder die insgesamt schlechter gewordenen Fundamentaldaten durchsetzen und zu erneuten Kursstürzen bei Aktien führen.

"In den ausgedehnten Bärenmärkten der Jahre 1973/1974, 2001 bis 2003 und 2008/2009 ist es jeweils zu mehreren Bärenmarktrallys gekommen, während die diesjährige Baisse bis August fünf davon aufwies", blickt Seema Shah, Chefstrategin des US-Anbieters Principal Global Investors, in die Geschichte zurück. In der jüngsten Rally, die Mitte Juni begonnen hat, sei dadurch der seit Jahresbeginn gemessene Rückgang der Aktienmärkte von 24 Prozent auf nur 13 Prozent geschrumpft. Das sei ein beträchtlicher Anstieg, der zudem mit dem durchschnittlichen Ausmaß von Bärenmarktrallys in vorhergehenden Zyklen genau übereinstimme.

Zweifel an Beständigkeit der Aufwärtsentwicklung angebracht
"Genau wie die bisherigen vier Rallys in diesem Jahr wird auch die aktuelle Rally kaum nachhaltig sein", ist sich Shah sicher. Die Kerninflation sei weiterhin sehr hoch und ein Absinken dürfte nur langsam stattfinden. Und da die Fed weiterhin auf eine Reduzierung der Inflation statt auf eine Förderung des Wachstums setze, dürften weitere deutliche Zinsanhebungen zu erwarten sein. Während das Wirtschaftswachstum sich abschwäche, könnten zudem korrigierte Gewinnprognosen zu einer Neubewertung der aktuellen Marktrally führen.

"Das Jahr 2022 zeigt sich als typischer Widerhall vergangener Bärenmärkte – einschließlich der hoffnungsvollen und doch unvermeidlich ernüchternden vorübergehenden Rallys", so das Fazit von Shah, die deshalb rät: "Bis sich die Fundamentaldaten verbessern, sollten Anleger nicht zu viel Vertrauen auf steile, aber leider nur vorübergehende Bärenmarktrallys setzen." (hh)