Andrew Wilson, Europachef von Goldman Sachs Asset Management, erwartet einen Richtungswechsel an den internationalen Rentenmärkten und legt im hausinternen Interview die Argumente für eine Zinswende und die damit verbundenen Anlagestrategien dar.
 
Jahrelang sind die Anleiherenditen tendenziell immer nur gesunken. Ist das nun vorbei, haben wir im Sommer 2013 eine historische Zinswende gesehen?

Andrew Wilson: Wir denken ja. Das Jahr 2013 markiert wahrscheinlich den Beginn eines längerfristigen, möglicherweise auch kräftigen Zinsanstiegs, insbesondere in den USA. In den anderen etablierten Industriestaaten könnte sich diese Normalisierung des Renditeniveaus zwar noch verzögern. Den Trend zu wieder steigenden Zinsen halten wir jedoch für dauerhaft, er könnte Jahre anhalten. Zunächst wird die US-Notenbank damit beginnen, ihre Anleihekäufe zu reduzieren.
 
Wie stark könnten die Kapitalmarktrenditen in den USA und auch in Deutschland denn steigen, sagen wir auf Sicht von zwei bis drei Jahren?

Wilson: In den USA könnten die 10-Jahres-Renditen zum Jahreswechsel in den Bereich von 3 bis 3,25 Prozent vorstoßen. Diese Einschätzung basiert auf der aktuellen Tendenz der Wirtschaftsdaten. In den kommenden Jahren könnten die Renditen dann vier Prozent oder mehr erreichen, sollte die Wirtschaft in ein reiferes Stadium der Erholung eintreten. Wir denken, dass der deutsche Rentenmarkt eine Korrelation mit den USA zeigen wird. Allerdings sollten die Renditen in Deutschland in geringerem Tempo anziehen als in den USA. Denn Wachstum und Inflation dürften im Vergleich zu den USA in Deutschland niedriger ausfallen und die europäische Geldpolitik wird im Euroraum wohl länger expansiv bleiben.
 
Warum hat die Reaktion der Investoren die Rentenmärkte der Schwellenländer besonders heftig getroffen? Immerhin verfügen viele dieser Staaten über gesunde volkswirtschaftliche Kennzahlen.

Wilson: Hier sind gleich zwei wesentliche Marktantriebskräfte weggefallen: Die geldpolitischen Stimuli insbesondere der Fed und das starke Wachstum in China. Die Zentralbanken hatten die Renditen in den etablierten Rentenmärkten auf historische Tiefstände gebracht. Dies verleitete die Investoren dazu, in höher verzinsliche Segmente zu investieren. Die starken Mittelzuflüsse der vergangenen Jahre kehrten sich zuletzt jedoch ins Gegenteil um. Dennoch bieten die Emerging Markets weiterhin eine Kombination aus attraktiven Renditen, sich verbessernder Kreditwürdigkeit bei robustem Wirtschaftswachstum, niedriger Verschuldung und respektabler Haushaltsdisziplin. Wir sehen diese Faktoren als Bestandteil einer Evolution in den Schwellenländern, was die Bewertungen dort stützen sollte. Kurzfristig betrachten wir dieses Marktsegment allerdings noch mit Vorsicht. Ein gutes Chance-Risiko-Verhältnis weisen derzeit hingegen Anleihen öffentlicher Schuldner aus den USA auf.
 
Wie sollen sich Rentenanleger nun verhalten? Sollen sie alles verkaufen und Cash horten?

Wilson: Das hielten wir für keine gute Lösung. Viele Investoren wollen stetige laufende Erträge erzielen, ohne überdurchschnittliche Aktienrisiken einzugehen. Sie suchen eine Rentenstrategie, mit der sie nicht auf Bonds sitzen bleiben, die kaum einen oder sogar einen negativen Ertrag versprechen. Eine Lösung, die manche Investoren erwägen, besteht in der Zweiteilung des Rentenportfolios. Das erste Portfolio konzentriert sich auf Zinsrisiken und dient als Absicherung gegenüber Aktienanlagen. Das zweite orientiert sich nicht an einer Benchmark, sondern konzentriert sich auf die Generierung attraktiver absoluter Erträge auf Basis von Opportunitäten im weltweiten Anlageuniversum. Dieses Portfolio soll das Ertragspotenzial des Gesamtvermögens steigern und auch zu einer besseren Diversifikation führen.
 
Wie baut man denn ein solches Portfolio?

Wilson: Im Umfeld steigender Zinsen halten wir es für entscheidend, sich nach einem festgeschriebenen Investmentprozess zu richten. Man sollte auch den Fehler vermeiden, einzelne Bondmarkt-Segmente isoliert zu analysieren und dann bis auf weiteres an den identifizierten Anlagefavoriten festzuhalten. Es verspricht mehr Erfolg, möglichst viele unterschiedliche Marktsegmente gleichzeitig im Blick zu haben und die sich bietenden Gelegenheiten jeweils flexibel zu nutzen. Der Mehrwert eines flexiblen Portfolios hängt von den Fähigkeiten des Fondsmanagements ab, an das Investmententscheidungen delegiert werden sollten. Flexibel handelnde Portfoliomanager werden die sich permanent ändernden Chancen und Risiken an den Anleihemärkten kontinuierlich bewerten, um sich jeweils zeitnah aus taktischem und strategischem Blickwinkel Erfolg versprechend zu positionieren. (aa)