Der innenpolitische Druck auf US-Präsident Donald Trump dürfte dazu führen, dass er dieses Jahr weniger tut, was die US-Wirtschaft und die Weltwirtschaft erheblich stören könnte, sagte Holger Schmieding, Chefvolkswirt von Berenberg, im Gespräch mit FONDS professionell ONLINE. Denn mittlerweile sei Trump im eigenen Land weniger populär, da ihn die Bürger für hohe Preise und überhöhte Inflation verantwortlich machen. Vor den Zwischenwahlen zum Kongress im November sei es deshalb ratsam für Trump, nichts zu tun, was die Preise in den USA noch weiter nach oben treiben kann, so Schmieding. 

"Wir erleben aktuell, dass Republikaner im Kongress es mehr wagen als im vergangenen Jahr, Trump zu widersprechen", erklärte der Ökonom. So hätten jüngst sechs Republikaner im Repräsentantenhaus dafür votiert, die Kanada-Zölle abzuschaffen, also de facto gegen Trump gestimmt. "Trump ist auf dem Wege, das zu erleiden, was fast jeder andere US-Präsident vor ihm erlitten hat, nämlich dass er bei den Zwischenwahlen zum Kongress, vor allem in der zweiten Amtszeit, einen Denkzettel verpasst bekommt", sagte Schmieding. Es sei wahrscheinlich, dass die Republikaner bei der Kongresswahl im November im Repräsentantenhaus ihre Mehrheit verlieren. 

Hohes Preisniveau 
Die von den USA verhängten Zölle hätten das schon seit Jahren sehr hohe Preisniveau in den USA um etwa 0,7 Prozent zusätzlich angehoben, sagte der Berenberg-Ökonom. "Und vermutlich ist noch ein ähnlich großer Betrag in der Pipeline, weil die Importeure und Händler ihre Zollkosten komplett weitergeben werden, was bisher nicht der Fall war", ergänzte er. 

Im Außenhandel sei in vielen Bereichen der "Gipfel der Zölle" wahrscheinlich erreicht. Als Ausnahme nennt Schmieding den Bereich Pharma, wo es "wahrscheinlich ist, dass die USA deutsche Unternehmen noch mit zusätzlichen Zöllen oder mit der Forderung, die Absatzpreise zu senken, treffen werden". 

Belastungsfaktor Migrationspolitik 
Berenberg nennt Trumps Migrationspolitik als Belastungsfaktor für die Wirtschaft. Dies könnte zu schwerem Arbeitskräftemangel in wichtigen Branchen wie Bau, Landwirtschaft und dem Gesundheitswesen führen. Andererseits dürften die Stimulusmaßnahmen aus der sogenannten "One Big Beautiful Bill" das US-Wachstum dieses Jahr um rund 0,8 Prozentpunkte erhöhen. Bislang wirkten außerdem die massiven KI-Investitionen positiv. Außerhalb der Sektoren Hightech und Energie stagniere allerdings die Industrieproduktion. 

Die Privatbank hatte Anfang Februar Gründe für die Erwartung eines höheren Wachstums in Europa genannt, darunter weniger Gegenwind durch die US-Handelspolitik, eine lockere EZB-Geldpolitik und die deutschen Fiskalpakete. (dv)