Chefökonom: "Warten Sie nicht auf Kursrücksetzer!"
Karsten Junius ist für die Aktienmarktentwicklung 2026 positiv gestimmt. Der Chefvolkswirt von J. Safra Sarasin begründet dies mit der Geld- und mit der Fiskalpolitik in den USA und Europa. Für zusätzlichen Rückenwind sorgen die Technologieriesen mit ihren milliardenschweren KI-Investments.
"Wir leben in disruptiven Zeiten, was Politik und Technologie – insbesondere im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz – anbelangt“, leitete Karsten Junius, Chief Economist und Head Economics & Strategy Research bei J. Safra Sarasin, seinen Jahresausblick 2026 vor rund 70 Profianlegern Ende voriger Woche im Wiener Hotel Park Hyatt Vienna ein.
Junius zufolge leben wir derzeit zwar in einem disruptiven Zeitalter, Menschen und Investoren würden sich an Änderungen jedoch rasch anpassen und sich daran gewöhnen. Das betrifft die Einführung und Nutzung von Technologie, im Speziellen künstliche Intelligenz (KI), auf der einen Seite, die Politik auf der anderen Seite. So würden beispielsweise viele der jüngsten Ankündigungen von US-Präsident Donald Trump nicht mehr so starke Marktausschläge wie im Vorjahr auslösen (beispielsweise der "Liberation Day" im April 2025), da die Marktakteure gewisse Äußerungen aus dem Weißen Haus besser und rascher einordnen können.
Diese Entwicklung hat dem Sarasin-Chefvolkswirt zufolge Auswirkungen auf die möglichen Erträge in diesem Anlagejahr: Da sich Investoren weltweit derzeit relativ sicher fühlten, seien die aktuellen Risikoprämien relativ niedrig. Die von Junius erwartete Marktrendite für das Jahr 2026 ist damit zwar positiv, aber nur im einstelligen Prozentpunkte-Bereich zu veranschlagen – vor allem im Vergleich zum sehr guten Anlagejahr 2025.
Junius teilte seinen Vortrag in drei große Kapitel auf: Im ersten Kapitel ("Zeiten des Wandels") zeichnete er das aktuelle Bild einer sich rasch verändernden Welt und Gesellschaft. Im zweiten Kapitel erörterte er die "Geldpolitik", bevor er sich darauf aufbauend den "Finanzmärkten" und den damit einhergehenden Handlungsempfehlungen widmete, die von einem optimistischen Grundton betreffend die Aktienmärkte geprägt waren.
Zeiten des Wandels
Junius ging zu Beginn seiner Präsentation auf den globalen Handel ein, bei dem sich neue Handelsmuster abzeichnen. So exportierte China im Jahr 2025 viel weniger Güter in die USA im Vergleich zum Jahr 2018. Dafür importieren die USA mehr Güter aus anderen Ländern und Wirtschaftsräumen, darunter die Regionen Asean, Lateinamerika und Afrika.
Zur Überraschung vieler Experten expandierte im Jahr 2025 (trotz der von Trump ausgerufenen Zölle) der Welthandel weiter stark. Das könnte daran liegen, dass der Anteil der USA an globalen Importen lediglich 16,4 Prozent ausmacht. Der globale Handel profitierte unter anderem vom andauernden Trend in Richtung Globalisierung und von den weltweit hohen Investitonen in künstliche Intelligenz. So erreichen die IT-Investments derzeit mehr als ein Prozent des US-BIPs und damit ein so hohes Niveau wie zuletzt Ende der 1990er Jahre. Tendenz weiter steigend. "Die Dynamik der Kapitalausgaben nimmt Fahrt auf", erklärte Junius mit Blick auf die prognostizierten Ausgaben von Unternehmen wie Oracle, Microsoft, Meta, Amazon oder Alphabet, die 2026 und 2027 in Summe zwischen 500 und 600 Milliarden US-Dollar liegen sollen und damit das Doppelte bis Dreifache der Vorjahre erreichen.
Diese Ausgaben der großen Konzerne sowie ein erwarteter positiver Fiskalimpuls in den USA, in Deutschland ("Sondervermögen") und den Niederlanden sowie auch erhoffte Stimuli-Pakete in China sollten 2026 das Wirtschaftswachstum kräftig ankurbeln. "Die Fiskalpolitik trägt zum BIP-Wachstum bei, Investoren sollten daher keine Rezessionsängste haben", erläuterte Junius.
Kein Gegenwind von der Geldpolitik
Vor dem Hintergrund der weltweit zahlreichen Zinssenkungen des vergangenen Jahres liegen die meisten Leitzinsen bereits nahe ihrer neutralen Niveaus. "Wir erwarten dieses Jahr nur bei der Fed und der Bank of England Zinssenkungen", prognostizierte Junius (siehe auch folgende Grafik), wobei der nächste Zinsschritt nach unten in den USA erst später im Jahr, nach der Ablösung von Fed-Chef Jerome Powell, erfolgen werde. Die EZB wird nach Einschätzung von Junius die Leitzinsen im Jahr 2026 unverändert lassen.
Leitzinsentwicklung und Prognosen

Quellen: Macrobond, J. Safra Sarasin; Stand 7.1.2026
Ausblick auf die Finanzmärkte
Im dritten Teil seiner Präsentation analysierte Junius die jüngsten Entwicklungen an den Finanzmärkten. Den US-Dollar erachtet der Sarasin-Chefvolkswirt im Vergleich zu vielen anderen Währungen noch immer als zu hoch bewertet. Der Greenback könnte 2026 Gegenwind bekommen in Form eines sich einengenden Zinsdifferentials gegenüber dem Euro, da die Fed im Gegensatz zur EZB die Leitzinsen weiter senken dürfte. Beim Goldpreis erwarten Junius und sein Analystenteam noch dieses Jahr einen Preis von 5.000 US-Dollar pro Feinunze.
Bei Credits sind die Zins-Spreads im historischen Vergleich extrem niedrig. Da die Konjunktur jedoch gut läuft und damit die erwarteten Defaults niedrig sein sollten, seien die derzeit niedrigen Risikoaufschläge aus diesem Blickwinkel gerechtfertigt. Für besonders interessant hält Junius derzeit südamerikanische Anleihen, da diese den Investoren derzeit hohe Realzinsen bieten. Für Fantasie sorgt Trumps "Aufräumen im südamerikanischen Hinterhof", was dort zu konservativeren und investorenfreundlicheren Regierungen führen könnte.
Bei Aktien ist Junius vorsichtig optimistisch gestimmt. Nach den hohen Kurszuwächsen der Vorjahre sollten Investoren Junius zufolge nur mit "einem moderaten Zuwachs" rechnen. "Die hohen Bewertungen dürften Aktienrenditen moderater als in den vergangenen Jahren ausfallen lassen", erklärte Junius, um anzufügen: "Warten Sie nicht auf Kursrücksetzer, bleiben Sie übergewichtet in Aktien investiert!" Rückenwind kommt von den erwarteten Zuwächsen beim Gewinnwachstum der Unternehmen, das dieses Jahr sowohl in den USA als auch im Euroraum zwischen 14 und 16 Prozent erreichen sollte. "Das Gewinnwachstum dürfte die Aktiengewinne 2026 tragen", so Junius.
Aus regionaler Sicht empfiehlt er eine Übergewichtung von europäischen Aktien und sieht im historischen Bewertungsvergleich auf Basis des KGV Länder wie Spanien, Italien und interessanterweise Österreich als unterbewertet an.
Aus sektoraler Sicht erachtet der Sarasin-Mann in Europa vor allem jene Sektoren als aussichtsreich, die von der erhofften Steigerung der heimischen Nachfrage profitieren sollten. Dazu zählen beispielsweise zyklischer Konsum, Energie und Kommunikation.
Am Ende verwies Junius noch auf den Gesundheitssektor, der in den vergangenen Jahren bei der Performance enttäuschte. Für den Chefvolkswirt ist mittlerweile viel "Negatives in den Kursen eingepreist". Der Gesundheitssektor sei aus Bewertungssicht attraktiv und könne insbesondere vom disruptiven Potenzial der KI profitieren. (aa)













