Ein bisschen erinnert das, was der ehemalige Goldman-Sachs-Analyst Erkin Adylovs hauptberuflich so treibt, an den Film "Minority Report". In dem Kinostreifen mit Tom Cruise in der Hauptrolle hat es sich eine Gruppe von Strafermittlern namens "Pre-Crime"zur Mission gemacht, mittels persönlicher Daten Mörder, Einbrecher oder Amokläufer dingfest zu machen, lange bevor sie eine konkrete Straftat begehen.

Ähnlich hellseherische Fähigkeiten schreiben Adylov und Kunden seines Start-ups "Behavox" der gleichnamigen Technologie zu. Die erfasst und analysiert mittels Verfahren der Künstlichen Intelligenz (KI) die Verhaltensmuster bereits überführter Täter aus dem Bankensektor, die ihre Arbeitgeber finanziell massiv geschädigt und deren Bild in der Öffentlichkeit obendrein arg lädiert haben. Um Übeltätern wie dem Milliardenzocker Jerome Kerviel, der 2008 für den größten Spekulationsverlust in der Finanzgeschichte verantwortlich war und die Großbank Société Générale um ein Haar in den Ruin getrieben hätte, oder dem ehemaligen UBS-Futureshändler Kweku Adoboli, der einen Schaden in Höhe von 2,3 Milliarden US-Dollar auftürmte, künftig das Handwerk zu legen, soll Behavox bei möglichst vielen Banken zum Einsatz kommen – und die machen eifrig mit.

Systematische Sammelwut
Behavox hat nach Adylovs Angaben mittlerweile Daten im Petabyte-Bereich (entspricht 1.048.576 Gigabyte) aus den zurückliegenden 18 Jahren gesammelt und in ihnen menschliche Verhaltensmuster, die stark vom Standard abweichen, eigenen Risikoklassifizierungen zugeordnet. Auf diese Weise sollen betrugswillige Bankmitarbeiter identifiziert und schnellstmöglich "entfernt" werden, bevor sie Straftaten begehen.

Untersucht werden dabei nicht nur außergewöhnliche Trading-Aktivitäten, sondern auch Auffälligkeiten, die teilweise tief in die Privatsphäre der Angstellten eindringen. Dazu gehört beispielsweise die Lautstärke der geführten Telefonate – also ob beispielsweise jemand bevorzugt im Flüsterton kommuniziert – das Einschalten von Laptops oder Handelscomputern außerhalb der Arbeitszeiten sowie – kein Witz – überdurchschnittlich häufige Besuche der Firmentoilette.

Durchbruch gelungen
Allein die Fülle und Detailgenauigkeit der Daten heben Behavox über das Niveau bereits bekannter und angewandter Überwachungssoftware-Lösungen hinaus. Anfängliche Zweifel, dass es Firmengründer Adylov gelingt, Finanzriesen wie Goldman Sachs, Deutsche Bank oder Barclays von seiner Idee zu überzeugen und obendrein dazu zu bewegen, höchst sensible Mitarbeiterdaten zentral einzuspeisen und mit ihren Branchenrivalen anonym zu teilen, sind mittlerweile ausgeräumt.

Aus anfänglich drei Firmenkunden aus dem Finanzsektor – darunter dem Hedgefonds Marshall Wace mit 28 Milliarden Dollar an verwaltete Kundenvermögen – ist inzwischen ein gutes Dutzend geworden, von denen allerdings die meisten bis auf Ausnahmen wie die Investmentbank Jefferies anonym bleiben wollen – aus nachvollziehbaren Gründen. Im fünften Jahr seiner Existenz hat Behavox mit Hauptsitz in New York Auslandsniederlassungen in Kanada, Großbritannien und Singapur und – was beinahe noch wichtiger ist – im ersten Halbjahr 2019 bereits die Gewinnschwelle erreicht. Detaillierte Geschäftsergebnisse hält Adylov unter Verschluss, stellt aber in Aussicht, dass bis Ultimo ein Umsatzplus gegenüber dem Vorjahr von 75 Prozent zu Buche stehen wird.

Das Beste kommt noch
Dass seinem Unternehmen goldene Zeiten ins Haus stehen, davon ist der gebürtige Kirgise überzeugt: "Einige Banken scheinen noch nicht wahrhaben zu wollen, wie exponiert sie sind." Der Behavox-Chef spielt damit auf die beeindruckende Summe von über 200 Milliarden US-Dollar an, die die Finanzbranche bislang an Strafen für Kurs-, Währungs, oder sonstige Manipulationen in den letzten Jahren zahlen musste. (hw/ps)