Die Renditen von Staatsanleihen der USA und der Eurozone sind seit den historischen Tiefständen 2021 kräftig gestiegen. Zehnjährige US-Staatsanleiherenditen liegen aktuell bei knapp fünf Prozent, deutsche Bundesanleihen rentieren mit etwa 3,5 Prozent.

Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust, hat in einer Analyse die Kapitalmarktrenditen in einen realen Ertrag und einen Ausgleich für die erwartete Inflation zerlegt. Sein Ergebnis: Höhere Inflationserwartungen sind nur eine Komponente des Anstiegs.

Inflation erklärt den Anstieg kaum
Heise sagt: "Der fortgesetzte Anstieg der Renditen seit 2022 ist nicht durch steigende Inflationserwartungen zu erklären. Die langfristigen Inflationserwartungen sind seit 2022 sogar leicht zurückgegangen." In den USA rechnen die Finanzmärkte langfristig mit einer Inflation von rund 2,5 Prozent, im Euroraum mit etwa zwei Prozent.

Die derzeitige Situation unterscheidet sich damit laut Heise fundamental von der Niedrigzinswelt der 2020/21er-Jahre. "Wer damals in langfristigen Staatsanleihen investierte, hatte einen realen Wertverlust", so Heise. Heute sei das anders.

Realwirtschafliche Gründe und Risiken im Fokus
Der Anstieg der realen Renditen hat seiner Meinung nach realwirtschaftliche Hintergründe und dürfte sich als dauerhaft erweisen. Der HQ-Trust-Chefökonom sagt: "Steigende Investitionen für Infrastruktur und Verteidigung sowie ein sehr hoher Kapitalbedarf durch die Entwicklung von KI begründen ein strukturell höheres Zinsniveau."

Dazu komme eine in den vergangenen Jahren gestiegene Risikoprämie, die Investoren für die Unsicherheiten kompensiert, die bei langfristiger Kapitalbindung auftreten: etwa über die Zinsentwicklung im Zuge hoher Staatsverschuldung oder das starke Auf und Ab der Inflationsentwicklung.

Blick auf laufende Zinsen
Sein Fazit: "Investoren sollten sich auf ein dauerhaft erhöhtes Renditeniveau einstellen. Das neutrale Zinsniveau in den USA und dem Euroraum ist gestiegen." Wer sein Portfolio neu ausrichtet, sollte Anleihen daher wieder als Ertragsbringer betrachten – allerdings mit Blick auf laufende Zinsen statt möglicher Kursgewinne. (jh)