Fed und Europäische Zentralbank (EZB) halten in Sachen Zinsen bisher die Füße still. In der zweiten und dritten Reihe sieht es anders aus: So hat die neuseeländische Zentralbank Anfang Oktober ihren Einlagenzinssatz von 0,25 auf 0,5 Prozent erhöht, berichtet Peter De Coensel, Vorstandsmitglied von Degroof Petercam Asset Management (DPAM). "Die Notenbanker gehen davon aus, dass die Leitzinsen in Neuseeland zwei Prozent bis Ende 2023 erreichen werden", sagt er. Der Markt hatte für diesen Zeitraum mit einem Wert von höchstens 1,75 Prozent gerechnet.

Auch die polnische Zentralbank hat reagiert und den Leitzins um 0,4 Prozentpunkte auf 0,5 Prozent angehoben, als die Inflation stolze 5,8 Prozent erreicht hatte. "Polen schließt sich der ungarischen und tschechischen Zentralbank an und zieht die Liquiditätsbremse an", kommentiert De Coensel. Viele kleinere Notenbanken – wenn auch nicht alle – ergreifen offenbar geldpolitische Maßnahmen gegen die steigenden Verbraucherpreise.

Wartendende Riesen
Die EZB und die Fed können es sich erlauben, länger zu warten, ehe sie ihre Anleihekaufprogramme auslaufen lassen beziehungsweise sich von den Null- oder Negativzinsen verabschieden, schätzt der DPAM-Experte. In der kommenden Woche findet die Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) statt, wo es unter anderem um die Inflationsprognosen für die kommenden zwei Jahre geht. Der IWF wird sich voraussichtlich der Ansicht der US-Notenbank anschließen, dass es sich bei der hohen Teuerung um ein vorübergehendes Phänomen handelt, das Mitte 2022 an Fahrt verliert, sagt De Coensel.

Die großen Notenbanken können sich auch deshalb Zeit lassen mit einer strikteren Geldpolitik, weil ihre kleineren Kolleginnen zuerst aktiv werden, erklärt der Anlageprofi. "Die Zentralbanken der zweiten und dritten Reihe können die Leitzinsen stark anheben und die finanziellen Bedingungen an den Rändern des Finanzsystems verschärfen. Ein solches Vorgehen würde den G4-Zentralbanken Zeit verschaffen." (fp)