Auch im digitalen Zeitalter gibt es gute Gründe, auf physisches Gold zu setzen. Dieser Meinung ist jedenfalls Degussa-Chefökonom Thorsten Polleit. Im aktuellen Marktreport des Münchner Edelmetallhauses schreibt er: "So mancher Anleger spekuliert vermutlich darauf, dass der Bitcoin 'das neue Gold' sei; allerdings sind die Dinge hier nicht so eindeutig, wie es scheinen mag." Zwar sei nicht von der Hand zu weisen, dass es Umschichtungen von Gold in Bitcoin gegeben hat. Schließlich ist die Marktkapitalisierung der Kryptowährung in den vergangenen zehn Monaten von 215,8 auf stolze 1.179,1 Milliarden US-Dollar gestiegen. Zum Vergleich: Die Goldproduktion belief sich im Jahr 2020 auf einen Marktwert von nur etwa 187 Milliarden US-Dollar.

Laut Polleit ist physisches Gold damit aber längst nicht aus dem Rennen. Seine Argumentation: Der Goldpreis ist von Anfang 2020 bis Anfang Mai nur um 18 Prozent gestiegen, beim Bitcoin beläuft sich die Preissteigerung auf wuchtige 692 Prozent. Gleichzeitig ist die Geldmenge weltweit kräftig angeschwollen, allein in den USA um 25 Prozent. Dem Degussa-Chefökonomen zufolge birgt diese Entwicklung riesiges Aufholpotenzial für den Goldpreis. "Gold ist unterkomplex, es ist einfach zu verstehen und zu handhaben", betont er außerdem. Das sei in einer zunehmend digitalisierten und damit komplexer werdenden Welt eine Besonderheit. Gold birgt zudem – anders als Anleihen, die bei risikoscheuen Anlegern ebenfalls beliebt sind – kein Kreditausfallrisiko.

Physisches Gold statt Zertifikate, ETFs und ETCs
Polleit argumentiert, dass auch Kryptowährung wie Bitcoin nicht vor Kurseinbrüchen gefeit sind. "Die Gefahr, dass Kryptoeinheiten von den Staaten gegängelt, bekämpft und sogar 'unbrauchbar' gemacht werden, ist – leider – nicht zu vernachlässigen", schreibt er. Dieser Gefahr sei zwar auch Gold ausgesetzt. Niemandem sei es aber bisher gelungen, die Kaufkraft des Edelmetalls herabzusetzen. Um auf Nummer sicher zu gehen, empfiehlt Polleit, auf physisches Gold statt auf Goldzertifikate, -ETFs und -ETCs zu setzen, denn Barren und Co. haben kein Kontrahentenrisiko. Außerdem unterstützten Halter von physischem Gold nicht eine Finanzindustrie, die "die Illusion aufrechthalten will, physisches Gold und Papiergold in Form von zum Beispiel Gold-Futures und -Optionen seien ein und dasselbe, sodass der Goldpreis durch die Geschehnisse auf den Derivativmärkten beeinflusst werden kann." (fp)