"Der nächste große Knall kommt von den privaten Kreditmärkten"
Christian Jasperneite, Anlagechef von M.M. Warburg, erklärt im zweiten Teil des Gesprächs mit FONDS professionell ONLINE, warum er nicht so recht an die große Zukunft der Kryptowährungen glaubt – und wieso ihm der Private-Debt-Markt solche Sorgen bereitet.
Im ersten Teil des Interviews mit Christian Jasperneite ging es um Geopolitik, Klumpenrisiken und die neue Rolle der Notenbanken. Im zweiten Teil spricht der Anlagechef von M.M. Warburg & Co. mit FONDS professionell ONLINE über Anleihen, Kryptowährungen und Edelmetalle. Jasperneite setzt im festverzinslichen Bereich weiter auf Unternehmensanleihen. Hier sieht er geringe Risiken, ganz anders dagegen bei den direkten Firmenkrediten. Im Private-Debt-Markt habe ausgerechnet die stärkere Regulierung der Banken nach der globalen Finanzkrise zu einer neuen Finanzierungsart beigetragen, die nur schwer zu kontrollieren sei.
Herr Jasperneite, der Anleihenmarkt ist in Bewegung. Die Staatsverschuldung in Deutschland, aber auch vor allem in den USA steigt dramatisch. Sehen Sie das kritisch für Investoren?
Christian Jasperneite: Ich habe schon das Gefühl, dass Staaten in eine Situation hineingeraten, in der die Verschuldung immer weniger nachhaltig ist. Die Frage ist, wann das System kippt. Bis jetzt sind die ausstehenden Summen ja noch nicht so dramatisch. Über die nächsten Jahre werden sich die Staaten refinanzieren können, da müssen wir uns keine Sorgen machen – und eine Schuldenkrise ist dementsprechend unwahrscheinlich. Aber wenn man sich die Dynamik anschaut und wenn irgendwann die Refinanzierung ein bisschen teurer wird, dann kommt natürlich irgendwann der Moment, wo Investoren sich fragen: Wie lange geht das noch gut?
Droht also irgendwann eine Schuldenspirale?
Jasperneite: Wenn die Zweifel größer werden, dann steigen die Renditen. Wenn die Renditen steigen, wird die Refinanzierung noch teurer, und so kumuliert das dann. Und dann kommt der Moment, wo die Notenbanken wieder eingreifen müssen, und das wird dann auch wieder passieren. Also ich glaube, langfristig haben wir da ein Problem. Aber ist das jetzt relevant, wenn ich heute oder morgen oder übermorgen Entscheidungen treffen muss? Ich denke nicht.
Wahrscheinlich haben auch Sie in den letzten Jahren stark in Unternehmensanleihen investiert, die inzwischen auf einem sehr niedrigen Spread angekommen sind. Gibt es da noch Chancen oder eher Risiken?
Jasperneite: Wir haben tatsächlich viel in Unternehmensanleihen investiert, deren Bonität ist ja manchmal besser als bei Staaten, und dazu gibt es einen Spread. Und ja, jetzt sind die Spreads zusammengelaufen. Aber wir haben immer noch nichtsdestotrotz die Corporates im Portfolio, und ich glaube auch nicht, dass das ein Fehler ist. Denn was wäre der Trigger für steigende Risikoprämien? Schlechte Konjunkturdaten, steigende Ausfallrisiken. Und das erwarte ich nicht.
Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat vor Verflechtungen zwischen den liquiden und illiquiden Kreditmärkten gewarnt. Wie sehen Sie das?
Jasperneite: Die Private-Debt-Märkte haben natürlich dramatisch an Bedeutung gewonnen die letzten Jahre. Teilweise auch, weil Banken in der Finanzierung ausgefallen sind. Der Grund dafür ist eher die Regulatorik: Heute ist es für eine Bank nicht mehr besonders attraktiv, Kredite rauszugeben, weil es einfach regulatorisch so restriktiv ausgelegt wird, was man tut, dass man manchmal rein auch kommerziell betrachtet besser damit fährt, es gar nicht mehr zu tun oder nur noch sehr, sehr begrenzt. Und gleichzeitig ist auch das Emittieren von Anleihen heute auch regulatorisch komplizierter als vor 20 Jahren. Als Überdruckventil spielen daher die Private Markets eine immer größere Rolle.
Was bedeutet das für die Finanzmarktstabilität?
Jasperneite: Das kann man schon kritisch sehen, weil natürlich gerade dort sehr viel Intransparenz herrscht, und wenn dort etwas schiefläuft, kriegen wir es im Zweifel erst mal gar nicht mit. Wenn wir es dann mitkriegen, dann über Spill-Over-Effekte auf liquide Märkte. Insofern war diese extreme Überregulierung auch im Bereich Kreditvergabe der Banken eigentlich ein Nährboden dafür, dass wir eine Welt geschaffen haben, die super intransparent ist und wo im Zweifel jetzt viel größere Risiken lauern. Der Staat wollte das Richtige machen, hat aber eigentlich de facto so überdreht, dass er das Falsche gemacht hat. Und jetzt haben wir diese unübersichtliche Situation. Bisher hat es zwar funktioniert, aber ich bin sicher, der nächste große Knall kommt von den privaten Kreditmärkten.
Noch ein Trend, den man auch bei den Unternehmensanleihen sieht, sind die massiven Aufnahmen von Fremdkapital der großen US-Tech-Unternehmen. Wie sehen Sie das?
Jasperneite: Einerseits sind das ja meistens Cashflow-starke Unternehmen mit guter Bonität, aber die Klumpenrisiken sind natürlich teilweise absurd. Und die hat man dann in Aktien wie Anleihen. Es spricht gerade bei Anleihen vieles dafür, über Einzelinvestments sehr breit aufgestellt zu sein und Klumpenrisiken zu umgehen, in die man hier mit passiven Investments besonders rasch gerät.
In den vergangenen Jahren haben Gold und Kryptowährungen von geopolitischer Unsicherheit und Unsicherheit in Bezug auf die Glaubwürdigkeit des Papiergeldes profitiert. Wie sehen Sie das nach der Korrektur?
Jasperneite: Also Gold war eigentlich immer schon eine interessante Anlage und Diversifikator. Die Frage ist immer nur, ob man es im Portfolio haben will oder nicht auch ein bisschen physisch halten will. Eigentlich sage ich den Kunden, Gold ist eine Versicherung für die Situation, wo etwas total schiefläuft im Finanzsystem, und dann willst du es lieber physisch haben und weniger in einem ETF oder einem Goldminenfonds oder wie auch immer. Die jüngsten Bankraube haben aber auch da die Risiken aufgezeigt.
Und Krypto?
Jasperneite: Bei Krypto hat mir immer die tiefe Überzeugung gefehlt. Wo liegt der fundamentale Wert eines Bitcoins? Eigentlich bei null. Bei Gold habe ich ja zumindest noch mal auch eine industrielle Komponente. Ich kann Gold für viele industrielle Anwendungen nutzen, dazu kommen die Umschichtungen der Notenbanken weg vom Dollar. Insofern habe ich auch losgelöst von dem Wert, den man da rein projiziert, auch noch eine physische Nachfrage. Bei Krypto muss ich einfach dran glauben. Auch die mathematische Knappheit ist eine kritische Arbeitshypothese, weil sie zwar bei Bitcoin richtig ist, aber es kann ja eine unbegrenzte Anzahl an Kryptowährungen geben, und damit sind Kryptowährungen in der Summe auch eigentlich wieder unbegrenzt. Und deswegen hat mich diese Bitcoin-Geschichte nie so richtig überzeugt.
Wo wird Bitcoin in zehn Jahren stehen?
Jasperneite: Also wenn ich jetzt das mit Wahrscheinlichkeiten einordnen würde, würde ich sagen, zu 55 Prozent hat Bitcoin dann deutlich an Bedeutung und Wert verloren.
Vielen Dank für das Gespräch. (jh)















