Ökonomen streiten derzeit darüber, ob die Inflation im kommenden Jahr gemäß der Prognose der Europäischen Zentralbank (EZB) sinken oder weiter steigen wird. Kerstin Bernoth, Wissenschaftlerin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), rechnet mit einer rückläufigen Teuerungsrate. Ihre Prognose liegt bei um die drei Prozent für das Jahr 2022. "So fällt unter anderem der Effekt der Mehrwertsteuererhöhung aus diesem Jahr weg", begründet die stellvertretende Leiterin der Abteilung Makroökonomie beim DIW ihre Prognose in einem Interview mit dem "Tagesspiegel". Auch der Preisrückgang in den Folgemonaten des ersten Lockdowns im Jahr 2020 hatte in diesem Jahr zu einer hohen Inflationsrate beigetragen – dieser Basiseffekt fällt 2022 ebenfalls weg. 

Der eine oder andere Faktor dürfte die Teuerungsrate dennoch anheizen, räumt die Expertin ein. Dazu zählen der Mangel an Halbleitern sowie gestiegene Produzentenpreise durch Lieferprobleme. Noch stärker ins Gewicht fallen dürften Dienstleistungen – hier werden die Preise anziehen, sobald der Mindestlohn gemäß den Plänen der Ampel-Koalition auf zwölf Euro pro Stunde steigt. Die höheren Lohnkosten geben Unternehmen dann an die Kunden weiter.

Notenbanken beeinflussen die Preisentwicklung
Mit einer Lohn-Preis-Spirale ist nicht zu rechnen, sagte Ökonomin Bernoth dem "Tagesspiegel". "Die Tarifabschlüsse sind 2021 deutlich unter der Inflationsrate geblieben." Einen größeren Einfluss auf die Preisentwicklung als die Gewerkschaften haben ihrer Ansicht nach die Notenbanken. "Die Zentralbanken fluten die Märkte mit Geld – und das wird sich doch mindestens mittelfristig inflationstreibend auswirken." 

Wie stark der Anstieg ausfällt, hängt von zwei Faktoren ab: Erstens müsse man die Kreditvergabe der Banken im Auge behalten, zweitens die öffentlichen Ausgaben. "Relevant ist dabei die Frage, wofür die Staaten das Geld ausgeben: Konsum oder Investitionen." (fp)