Es ist paradox: Einerseits blähen die Zentralbanken ihre Bilanzen weltweit im Rekordtempo auf, was vielen ängstlichen Verbrauchern regelmäßig die Schweißperlen auf die Stirn treibt, weil sie fürchten, dass bald die Preise explodieren. Andererseits bleiben die Inflationsraten niedrig – zuletzt lag die Teuerungsrate in der Eurozone bei unter einem Prozent. Und das, obwohl es einen empirisch belegten Zusammenhang zwischen der Geldmenge und der Kerninflation gibt. Wie passt das zusammen?

Die DWS hat nach den Gründen für diesen Widerspruch geforscht und sich angeschaut, wo das Geld de facto hinfließt, das die Währungshüter in den Markt pumpen. Das Ergebnis: Zentralbankgeld entspricht eben nicht der Geldmenge. "Ersteres entsteht, wenn die Europäische Zentralbank Geschäftsbanken Liquidität zur Verfügung stellt oder ihnen Wertpapiere abkauft. Diese Geldmenge wächst tatsächlich stark und führt zu besagter Bilanzaufblähung", sagt Martin Moryson, DWS-Chefvolkswirt für Europa. Aus diesem Zentralbankgeld kann sogenannte M3-Liquidität werden, es kann also in die Realwirtschaft fließen. Jedoch nur, wenn die Geschäftsbanken Kredite vergeben.

Banken parken Geld bei der EZB
Doch das tun sie derzeit kaum. Die Kreditvergabe an den privaten Sektor wuchs im Mai nominal nur mit rund vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Die Kredite an die öffentliche Hand sind im Rahmen der Corona-Hilfen zwar immerhin mit elf Prozent kräftiger gewachsen, doch das macht den Kohl angesichts der Zentralbankbilanzen auch nicht fett", sagt Moryson.

Seinen Analysen zufolge landet das Geld der Notenbanker fast gänzlich in Überschussreserven, also in jener von Geschäftsbanken bei der Zentralbank gehaltenen Liquidität, die über die regulatorische Mindestreserve hinausgeht. "Positiv gesehen werden die Banken Europas so schnell keine Liquiditätsengpässe erleiden", sagt der Volkswirt. Andererseits zeige dieser Fakt, dass die Banken der konjunkturellen Erholung nicht so ganz trauen und dass die Nachfrage bonitätsstarker Kreditnehmer fehlt. „Richtige Freude über die ausbleibende Inflation will da nicht aufkommen." (fp)