Die Ausfallquoten bei Unternehmensanleihen sind nach wie niedrig, vor allem in Europa. Das könnte sich allerdings bald ändern, warnt David Diwan, Portfoliomanager bei Edmond de Rothschild Asset Management (EdRAM). Der Grund: Im Fahrwasser der zweiten Viruswelle dürfte sich das Konjunkturumfeld verschlechtern. Zahlreiche Unternehmen könnten dann ihren Investment-Grade-Status verlieren, High-Yield-Bonds massenweise ausfallen. Starinvestor Jeffrey Gundlach geht sogar davon aus, dass sich die Ausfallquoten von Hochzinsanleihen verdoppeln.

Diwan zieht für seine Prognose drei Konjunkturszenarien heran, die Moody's entworfen hat. Im Basisszenario erwartet die Ratingagentur einen Anstieg der weltweiten Ausfallquoten auf 8,8 Prozent bis Ende dieses Jahres und einen Höhepunkt von 9,3 Prozent Ende des ersten Quartals 2021. Im Negativszenario, das einen heftigeren Wirtschaftsabsturz und ein Abschmelzen der staatlichen Hilfsprogramme vorsieht, erwartet Moody's Ausfälle bis zu 15,5 Prozent. Im besten Fall könnte die Ausfallquote dagegen auf drei Prozent sinken. Das entspräche etwa dem Niveau vor der Covid-19-Pandemie.

Krise eröffnet Einstiegschancen
Welches Szenario eintrifft, hängt maßgeblich davon ab, wie sich die Wirtschaft entwickelt, betont EdRAM-Manager Diwan. Er sieht allerdings in dieser unsicheren Situation auch Chancen für Investoren. "Wir haben gelernt, dass es in jeder Krise einen Silberstreifen am Horizont gibt", sagt er. So hat die steigende Zahl "gefallener Engel" zur Folge, dass die Bewertungen im Hochzinsuniversum gesunken sind. Das bietet Einstiegsmöglichkeiten für mutige Anleger.

Unabhängig davon, wie sich die Wirtschaft im kommenden Jahr entwickelt, können Investoren, die die Bilanzen bonitätsschwacher Unternehmen sorgfältig analysieren, in Phasen mit starken Marktverzerrungen zweistellige Renditen erzielen, ist Diwan überzeugt. "Der Schlüssel ist eine aktive Einzelwerteauswahl mit der Fähigkeit, zwischen Unternehmen zu unterscheiden, die Covid-19 überstehen und dann wachsen, und jenen, die ein Fall für die Zahlungsausfallstatistik sind." (fp)