Rund 24 Meter unter den Straßen Manhattans lagert in einem Tresor der US-Notenbank Federal Reserve in New York deutsches Gold im Wert von rund 184 Milliarden Euro. Vielleicht ist der Zeitpunkt gekommen, dass Deutschland einen Teil davon verkauft.

Auslöser dieser provokanten Überlegung sind jüngste Forderungen von Vertretern der Grünen und der FDP sowie des früheren Bundesbank-Forschungschefs Emanuel Mönch, den Bestand von 1.236 Tonnen – fast 100.000 Barren – nach Deutschland zurückzuholen. Hintergrund dieser Forderungen ist, dass US-Präsident Donald Trump die Unabhängigkeit der Federal Reserve untergräbt und seine Geringschätzung für die Nato-Verbündeten offen zur Schau stellt.

Rücktransport als diplomatisches Risiko
Ein Rücktransport des Goldes würde jedoch die Beziehungen Berlins zu Washington weiter belasten und Trump verärgern, dem Gold offenbar viel bedeutet. Ein Blick auf die goldverzierte Umgestaltung des Weißen Hauses genügt. Ob beabsichtigt oder nicht: Trumps erratisches Verhalten hat den Dollar unter Druck gesetzt und die Preise für Edelmetalle nach oben getrieben.

Davon hat die Bundesbank, die Deutschlands Goldreserven verwaltet – die zweitgrößten der Welt nach denen der USA –, erheblich profitiert. Bei Fertigstellung dieser Kolumne waren sie rund 500 Milliarden Euro wert. Das entspricht etwa 18 Prozent der Staatsverschuldung und ist nahezu eine Verneunzehnfachung seit der Einführung des Euro im Jahr 1999.

Warum Deutschlands Gold in New York liegt
Deutschland hatte 2017 nach innenpolitischem Druck 300 Tonnen Gold aus New York zurückgeholt. Die dort verbliebenen Bestände gehen auf das Bretton-Woods-System der Nachkriegszeit zurück, als der Dollar noch durch Gold gedeckt war. Neben London ist New York bis heute ein zentraler Handelsplatz für das Edelmetall.

Bundesbank und Bundesregierung bleiben gelassen
Weitere Rückführungen stehen derzeit nicht zur Debatte. Weder die Bundesbank noch die Bundesregierung drängen darauf. "Ich zweifle nicht daran, dass unser Gold bei der Fed in New York weiterhin sicher aufbewahrt ist. Das sind Währungsreserven mit besonderem Schutzstatus", erklärte Bundesbankpräsident Joachim Nagel in dieser Woche in einem "FAZ"-Interview. Angesichts von Trumps Missachtung institutioneller Normen ist diese Gelassenheit bemerkenswert. Berlin steckt in dieser Frage zwischen geopolitischem Kalkül und wirtschaftlicher Vernunft fest.

Keine Anlageempfehlung, sondern ein Gedankenspiel
Dabei gäbe es eine Alternative: Warum nicht einen Teil der Bestände verkaufen und die hohen Preise sowie die starke Nachfrage nutzen?

Dies ist keine Anlageberatung. Unklar ist, ob die Goldpreise ihren Höhepunkt erreicht haben oder weiter steigen. Zur Transparenz: Ich besitze selbst etwas Gold und wünschte rückblickend, es wäre mehr. Mir ist auch bewusst, dass der Vorschlag, die Bundesbank zum Verkauf von Gold zu bewegen, in einem Land mit Hyperinflationserfahrung in den 1920er Jahren nahezu als Ketzerei gilt.

Ökonomisch erklärbar, politisch heikel
Praktische Gründe für einen so großen Bestand gibt es heute allerdings kaum noch. Als Mitglied der Eurozone verfügt Deutschland über keine eigene Währung mehr. Dennoch besitzt der nationale Goldschatz enorme symbolische Bedeutung. Ein Verkauf wäre politisch unpopulär. "Ein schrittweiser Verkauf eines Teils des Goldes zu diesen extrem hohen Preisen zur Reduzierung der Staatsverschuldung wäre ökonomisch vollkommen sinnvoll", sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. "Politisch wäre das jedoch gefährlich. Die Deutschen lieben die Bundesbank, so wie sie ist."

Zahlreiche institutionelle und rechtliche Hürden stehen einem Verkauf im Weg. Europäische Verträge schützen zu Recht die Unabhängigkeit der nationalen Zentralbanken. Das wurde zuletzt im Streit zwischen Rom und der Europäischen Zentralbank über den Besitz des italienischen Goldes deutlich.

Risiken für Markt und Vertrauen
Auch die praktische Umsetzung wäre heikel. Ein größerer Verkauf könnte den Goldpreis drücken und damit kontraproduktiv wirken. Investoren könnten einen solchen Schritt – je nach Verwendung der Erlöse – als Zeichen wirtschaftlicher Schwäche oder als monetäre Haushaltsfinanzierung deuten. Eine Veräußerung müsste daher sorgfältig orchestriert werden.

Die Bundesbank selbst wäre vermutlich vehement dagegen. Nagel erklärte 2024, er habe nicht eine "Nanosekunde" über einen Goldverkauf nachgedacht – und äußerte sich zuletzt ähnlich. Für diese Kolumne wollte sich die Zentralbank nicht äußern.

Klumpenrisiko Gold
Da Gold inzwischen mehr als 80 Prozent der offiziellen Währungsreserven Deutschlands ausmacht, stellt sich dennoch die Frage, ob dieser Bestand produktiver eingesetzt werden könnte. Selbst aus Sicht des Risikomanagements erscheint es unklug, nahezu alle Reserven in einem so volatilen Vermögenswert zu halten. Auch wenn die Bundesbank kein renditeorientierter Hedgefonds ist, könnte dies ein günstiger Zeitpunkt für Gewinnmitnahmen sein.

Zur Einordnung: Die starke Nachfrage der Zentralbanken trägt ebenso wie spekulative Käufe von Privatanlegern und der sogenannte "Debasement Trade" zu den steigenden Goldpreisen bei. Polen, das nicht zur Eurozone gehört, hat zuletzt große Mengen gekauft.

Ein historisch gewachsener Schatz
Deutschlands deutlich größere Bestände gehen hingegen auf hohe Leistungsbilanzüberschüsse nach dem Zweiten Weltkrieg zurück. Abgesehen von begrenzten Verkäufen zur Münzprägung lässt die Bundesbank den Bestand unangetastet. Rund die Hälfte lagert in Frankfurt, zwölf Prozent in London und der Rest in New York – ohne Zinsertrag.

Lehren aus früheren Goldverkäufen
Der Widerstand der Bundesbank gegen Goldverkäufe in früheren Jahrzehnten hat sich als richtig erwiesen. Sie hielt an ihren Beständen fest, als andere europäische Länder Anfang der 2000er Jahre Gold abstießen. Berüchtigt ist der Schritt des damaligen britischen Finanzministers Gordon Brown, der zwischen 1999 und 2002 rund 400 Tonnen Gold zu einem Durchschnittspreis von 275 Dollar je Unze verkaufte. Das brachte 3,5 Milliarden Dollar ein, die in verzinsliche Währungsreserven investiert wurden. Heute wäre dieser Bestand rund 70 Milliarden Dollar wert. Man könnte meinen, dies würde jeden davon abhalten, zu ähnlichen Schritten zu raten. Gleichwohl lohnt es sich, den Gedanken weiterzuverfolgen.

Gold als Puffer für Notenbankverluste
Der stark gestiegene Goldwert hatte zuletzt einen klaren Vorteil für die Bundesbank. Er wirkte als Gegengewicht zu den finanziellen Belastungen aus der Phase der quantitativen Lockerung, in der sie im Auftrag der EZB große Mengen niedrig verzinster Anleihen erwarb.

Aufgrund einer Zinsdifferenz zwischen diesen Vermögenswerten und den Zinsen auf Einlagen der Kreditinstitute meldete die Bundesbank in den vergangenen zwei Jahren jeweils Verluste von rund 20 Milliarden Euro. Gleichzeitig stieg dank der Neubewertung der Goldbestände das Nettoeigenkapital auf mehr als 250 Milliarden Euro, zuletzt gemessen im Februar 2025.

Davon profitieren die Steuerzahler bislang jedoch leider nicht. Die Bundesbank stellte ihre Gewinnausschüttungen an den Bund 2020 ein und dürfte wegen der Anleiheverluste noch mehrere Jahre keine Zahlungen leisten. Zum Vergleich: Zwischen 2010 und 2019 erhielt der Bund rund 25 Milliarden Euro von der Zentralbank.

Steigender Finanzbedarf des Staates
Hier könnten Erlöse aus Goldverkäufen besonders hilfreich sein. Deutschland steht vor erheblichen wirtschaftlichen, demografischen und fiskalischen Herausforderungen. Bundeskanzler Friedrich Merz hat die Schuldenbremse aufgeweicht. Zur Finanzierung von Infrastruktur und Aufrüstung will Deutschland mehrere Hundert Milliarden Euro neue Schulden aufnehmen, wodurch die Staatsverschuldung deutlich steigt.

Die Sorge ist, dass Goldverkäufe den Reformdruck auf die Politik mindern könnten. Ein Blick auf die Verwendung eines Teils der 500 Milliarden Euro an neuen Infrastrukturmitteln nährt diese Befürchtung.

Ein alter Vorschlag mit neuer Aktualität
Zwar äußern sich deutsche Politiker zuletzt kaum zu diesem Thema, doch in den 1990er und frühen 2000er Jahren schlugen mehrere von ihnen vor, Goldverkäufe etwa zur Finanzierung einer Kulturstiftung oder für die Pflegeversicherung zu nutzen. Umgesetzt wurde keiner dieser Vorschläge.

Vielleicht sollte die Bundesbank selbst einen neuen Anlauf unternehmen – wie bereits 2004. Damals regte der frühere Bundesbankpräsident Ernst Welteke an, bis zu 600 Tonnen oder mehr als ein Sechstel der Reserven zu verkaufen, um verzinsliche Anlagen zu erwerben und eine Stiftung für Forschung und Bildung zu finanzieren. Nach erheblichem Widerstand trat er aus anderen Gründen zurück, bevor der Plan umgesetzt werden konnte.

Zwei Jahrzehnte später hat die Idee, mit Erlösen aus selbst moderaten Goldverkäufen künftige Generationen zu unterstützen, die Produktivitätskrise zu lindern und das Wachstum zu stärken, erheblichen Reiz. Sie verdient mehr als nur eine Nanosekunde Aufmerksamkeit. (mb/Bloomberg)