Zinsen wirken wie Strafzahlungen: Wenn man etwas sofort kaufen möchte, haben sie eine aufschiebende Wirkung. Negativzinsen heben diese Hürde auf. Dann gibt es keine Kontrolle mehr, was und wie viel konsumiert wird. Das stellt alles auf dem Kopf – und schadet auch der Umwelt, sagt Erste-Group-Chef Andreas Treichl im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ).

Denn Minuszinsen wirken enorm konsumbeschleunigend. Sie bringen die Menschen dazu, so viel wie möglich zu konsumieren und wegzuwerfen. Treichl nennt zur Veranschaulichung ein Beispiel: "Es wird möglich, dass sich jemand einen Flatscreen für 1.000 Euro kauft, für den Kredit aber nur 950 Euro bezahlt. Er bekommt noch Geld dafür, dass er etwas kauft", wettert er.

Zeitpunkt für Zinswende verpasst
Eigentlich sollen niedrige Zinsen Investitionen ankurbeln. Tatsächlich aber ermöglichen sie es Staaten, sich unendlich zu verschulden, erklärt der Experte. Ob sich zeitnah an der Situation etwas ändert, hält Treichl für fraglich. "Dass die EZB die lockere Geldpolitik aufgibt, ist nicht zu erwarten", sagt er. Den Zeitpunkt hätten die Währungshüter sowohl 2015 als auch 2016 verpasst.

Die Zeche zahlten auch alle, die sich fürs Sparen und den Vermögensaufbau interessieren. "Es wird immer schwieriger in Zeiten von Null- oder Negativzinsen. Jedenfalls in Europa, wo es keine richtigen Kapitalmärkte gibt", so Treichl. Generall hafte dem Aktienarkt etwas Ruchbares an. "Börse gilt als etwas für Spekulanten. Ertragreiche Investitionen können sich bei uns nur Personen leisten, die schon Vermögen haben und es verkraften können, auch mal einen Teil des Investments zu verlieren. Normalverdiener sitzen in der Zwickmühle: Ihre Sparguthaben bringen nichts ein, und die Börsen sind ihnen zu riskant."

Mündige Bürger zur Vorsorgern erziehen
Aufklärung, auch in der Schule, täte hier dringend Not. "Das hat auch mit fehlenden Kenntnissen zu tun. Es gibt in Österreich nicht einmal ein Schulfach Wirtschaft. Was die Schüler lernen, ist reine Ideologie: Banken sind Verbrecher, Unternehmen zum größten Teil auch. Die Schulen wollen die Kinder vor dem Wirtschaftsleben schützen, statt sie zu befähigen, daran teilzunehmen." (fp/ps)