Das Gespenst der Stagflation ist zurück. Oder doch nicht? Zwar besteht kein Zweifel daran, dass die aktuell schwächelnde Konjunktur in Kombination mit der rasant steigenden Inflation sowohl Risiken für das globale Wachstum als auch eine Herausforderung für die (geld)politischen Entscheidungsträger darstellt. "Eine anhaltend hohe Inflation sollte dennoch nur als Restrisiko betrachtet werden", beschwichtigt Andrea Siviero, Investmentstratege bei der Kapitalanlagegesellschaft Ethenea. Seiner Einschätzung nach unterscheidet sich die derzeitige Situation in mehrfacher Hinsicht von jener in den 1970er-Jahren.

Zum ist der zeitliche Ablauf der Corona-Krise deutlich anders als die Rezession der 70er und 80er. Die politische Reaktion auf die Pandemie führte zu einer ungewöhnlich schnellen globalen Erholung. So schnell, dass das Angebot nicht mithalten konnte. Das Wirtschaftswachstum ist jedoch solide, die Arbeitslosenquote bald wieder auf Vorkrisenniveau. Zum anderen genießen die Zentralbanken heute eine weitaus größere Glaubwürdigkeit. Im Gegensatz zu damals verfügen sie mit ihrem Inflationsziel nun über eine klare Rahmensetzung. Das Fehlen derartiger Maßnahmen war ursächlich für die große Inflation der 70er-Jahre.

Inflationstreiber nur vorübergehend
Die Stagflation der 70er war "das Ergebnis einer Kombination aus politischen Fehlentscheidungen, einer zurückhaltenden Politik der Federal Reserve und einer historischen Veränderung des internationalen Währungssystems, die von zwei schweren Ölkrisen begleitet wurde", erklärt Siviero. Hingegen spiegeln die jüngsten Inflationstreiber die lebhafte Wirtschaftstätigkeit, steigende Energiepreise und pandemiebedingte Angebots- und Nachfrageungleichgewichte wider, die nach Ansicht des Investmentstrategen nur vorübergehend sind. 

Die Verknappung von Rohstoffen und die Lieferkettenprobleme dürften sich nach Ansicht des Experten alsbald wieder ausgleichen. Das zeige sich bereits an den Fortschritten im Kampf gegen die Pandemie. Zudem gebe es keine Anzeichen für Zweitrundeneffekte. "Kurzfristig gibt es viele Unwägbarkeiten in Bezug auf die Inflationsentwicklung, aber insgesamt sind kaum Anzeichen für eine Wiederholung der großen Inflation der 70er-Jahre zu erkennen", resümiert Siviero. (fp)