Wie auch immer die US-Wahl schlussendlich ausgeht: Investoren seien gut beraten, sich an der alten Börsenweisheit festzuhalten, wonach politische Börsen kurze Beine haben. Politische Weichenstellungen haben oft einen nur geringen Effekt in der Realität, denn sie vollziehen in der Regel nur die Richtung nach, in die sich Wirtschaft und Gesellschaft ohnehin schon bewegt haben. Diese Ansicht vertritt Georg von Wallwitz, Geschäftsführer bei Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement.

Dies lasse sich etwa an der Umweltpolitik von Donald Trump ablesen. "Aller Rhetorik zum Trotz sind die USA heute ein erheblich grüneres Land als zu seinem Amtsantritt", sagt der Vermögensprofi. Die Fracking-Industrie sei weitgehend ruiniert und der Anteil der Kohle am Energiemix der USA von etwa 30 auf 20 Prozent zurückgegangen. Erneuerbare Energien seien heute nicht nur konkurrenzfähig, sie sind oft sogar deutlich billiger als die fossilen Energien.

Eine Erkenntnis des Wahltages ist laut Graf von Wallwitz jedenfalls bereits jetzt klar: "Trump war kein "Ausrutscher" oder "Versehen" der Amerikaner. Er repräsentiert einen großen Teil der Bevölkerung, die ihn wählt, obwohl sie genau weiß, was für ein Präsident er ist. Egal wer am Ende ins Weiße Haus einzieht, ein guter Teil von Trumps Agenda wird beibehalten werden." Der Konfrontationskurs gegenüber China beispielsweise werde sich auch unter Biden kaumändern und der Rückzug aus vielen Weltgegenden sei irreversibel. Die USA wollen und werden weniger Einfluss nehmen, egal unter welchem Präsidenten. "Sie sind ein strukturell konservatives Land, das sich am liebsten mit sich selbst beschäftigt", erklärt von Wallwitz. 

Frage des Horizonts
Die Börse werde, nach anfänglicher Aufregung, keine dramatischen Bewegungen machen. Die Fluchtwährungen Dollar, Schweizer Franken und Gold würden einen guten Tag haben oder auch zwei. Die Aktienmärkte würden schwanken zwischen dem Fokus auf die kurze Frist (Trump ist besser für die Unternehmensgewinne der nächsten zwei Jahre) und die lange Frist (Biden ist besser für die langfristige Entwicklung des Wirtschaftsstandorts USA).

"Am Ende werden die Börsen die wirtschaftlichen Realitäten abbilden, die sich unabhängig von der Person des amerikanischen Präsidenten seit langem manifestieren. China wird weiter aufsteigen. Technologie dominiert immer mehr Lebensbereiche. Und die strukturellen Ursachen von niedrigem Wachstum, niedrigen Zinsen und schwacher Nachfrage sind nicht verschwunden. Daran kann kein Präsident etwas ändern", erklärt von Wallwitz abschließend. (aa)