Die Inflationsrate in der Eurozone lag im Dezember bei minus 0,3 Prozent. Die Verbraucherpreise sind also im Schnitt gesunken, statt zu steigen. Gefühlt war es allerdings für viele Menschen genau andersherum. In Umfragen der EU-Kommission zeigt sich jedenfalls immer wieder, dass Verbraucher die Inflationsrate als deutlich höher empfinden, als sie offiziell gemessen wird. "In der Bevölkerung gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen von Preisveränderungen", bestätigt Philip Lane, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" (SZ).

Den Währungshütern ist die gefühlte Inflation nicht gleichgültig. Laut Lane achten sie darauf, ob ihre geldpolitischen Entscheidungen so wirken, dass sich die Teuerungsrate, "so wie sie in der Bevölkerung empfunden wird", in die richtige Richtung bewegt. Momentan heißt das: Nach oben, in Richtung der von der Notenbank angestrebten knapp zwei Prozent. "Dass die Menschen in Europa die Inflationsrate unterschiedlich wahrnehmen, lässt darauf schließen, dass die Preise bei uns im Großen und Ganzen stabil sind", erklärt der Ökonom. "In Ländern mit wirklich hoher Inflation weiß jeder ganz genau, wie stark die Preise gestiegen sind."

Eurozone bleibt auf Erholungskurs
Der EZB-Chefökonom geht davon aus, dass sich die Währungsunion in den kommenden Monaten weiter von den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise erholt. "Wir erwarten, dass Wirtschaftswachstum und Inflationsrate im Euro-Raum noch in diesem Jahr auf das Niveau zurückkommen, das vor Ausbruch der Pandemie herrschte", sagt er im SZ-Interview. Vor Corona schwankte die Teuerung im Bereich von einem Prozent, mit Tendenz nach oben, in Richtung zwei Prozent. "Wenn man eine einigermaßen stabile und moderate Wirtschaftsentwicklung hat, dann sollte auch die Geldpolitik stabil und moderat sein", sagt Lane. (fp)