Die Zinswächter der Europäischen Union sehen steigende Risiken für die Wirtschaft der Währungsunion und wollen deshalb an ihrem aktuellen geldpolitischen Kurs festhalten. Laut Medienberichten bekräftigte Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), am Donnerstag in Frankfurt, die Leitzinsen in der Eurozone über den Sommer hinaus nicht antasten zu wollen – mindestens. Außerdem will die EZB auch nach der Zinswende noch für längere Zeit fällig werdende Anleihen aus ihrem Bestand ersetzen.

Marktexperten sind uneins, wann mit einer Anhebung der Zinsen zu rechnen ist. "Draghi wich dem Ruf nach gelpolitischen Maßnahmen meisterhaft aus – wir würden aber nicht ausschließen, dass es im späteren Verlauf des Jahres zu einer ersten symbolischen Leitzinserhöhung kommen könnte“, sagt Jürgen Odenius, Wirtschaftsberater bei PGIM Fixed Income. Charles St-Arnaud, Senior Investment Strategist bei Lombard Odier IM, hält dagegen eine Zinswende in diesem Jahr nun für unwahrscheinlich. "Wenn überhaupt rechnen wir damit, dass die EZB die Wirtschaft durch eine dritte Welle ihrer längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte unterstützen dürfte“, sagt er.

"Nicht nur wegen der konjunkturellen Probleme im Euroraum, vor allem auch aufgrund der Probleme im Euro-Bankenapparat muss die Bereitschaft der EZB, die Zinsen wieder anzuheben, als relativ gering eingestuft werden. Das ist auch der Grund, warum wir denken, dass die Zinsen in 2019 nicht angehoben werden – und dass es auch in 2020 äußert fraglich ist, ob die Kreditkosten steigen", ergänzt Thorsten Polleit, Chefvolkswirt des Goldhändlers Degussa.

Wachstumsdynamik dürfte nachlassen
Draghi hat schon öfters betont, dass er Anleihe-Refinanzierungsgeschäfte für nützliche und effektive Mittel in der Geldpolitik hält, sagt Bantleon Chef-Volkswirt Daniel Hartmann. Ungeachtet dessen dürfte die EZB nicht umhinkommen, ihre vergleichsweise optimistische Wachstumseinschätzung für 2019 und 2020 nach unten zu korrigieren. "Dies wird den Druck verstärken, weitere stimulierende Maßnahmen zu ergreifen", so Hartmann. (fp)