Die Risiken für die Inflation im Euroraum liegen laut EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel zunehmend auf der Oberseite. Grund seien die wirtschaftliche Erholung sowie umfangreiche staatliche Ausgaben für Militär und Infrastruktur.

"Meine Einschätzung ist die einer Wirtschaft, die sich erholt, mit einer sich schließenden Produktionslücke und einem deutlichen fiskalischen Impuls, der die Wirtschaft stimuliert", sagte Schnabel, die als derzeit wohl restriktivstes Mitglied des EZB-Rats gilt. "Das führt mich zu der Schlussfolgerung, dass die Risiken eher leicht nach oben gerichtet sind."

Zinsen "absolut an einem guten Punkt"
Die deutsche Ökonomin erklärte am Mittwoch (12.11.) auf der Global Markets Conference von BNP Paribas in London, die Leitzinsen befänden sich "absolut an einem guten Punkt". Die Geldpolitik müsse jedoch aufmerksam bleiben, insbesondere mit Blick auf weiterhin "stark steigende" Lebensmittelpreise und die "Beharrlichkeit" der Dienstleistungsinflation.

Die meisten EZB-Vertreter zeigen sich mit der aktuellen Zinspolitik zufrieden, da sich die Inflation in der Nähe des Zwei-Prozent-Ziels bewegt und die Wirtschaft trotz höherer US-Zölle wächst. Einige argumentieren jedoch, dass weitere Zinssenkungen – zusätzlich zu den bisherigen acht Schritten um jeweils 0,25 Prozentpunkte – nicht ausgeschlossen werden sollten.

Inflationsprognosen im Dezember könnten entscheidend werden
Die Diskussion könnte neuen Schwung bekommen, falls die EZB-Projektionen im Dezember eine länger anhaltende Unterschreitung des Inflationsziels zeigen. Eine mögliche Verzögerung beim neuen EU-Emissionshandelssystem könnte ebenfalls dazu führen, dass die Verbraucherpreise erst 2027 wieder auf das Ziel zusteuern.

Schnabel betonte jedoch, dass sie sich wegen kleiner Abweichungen vom Zielwert nicht sorge. So habe sich die Gefahr, dass billige chinesische Waren den europäischen Markt überschwemmen, bislang nicht bestätigt, und auch der Euro habe sich nach seiner Aufwertung stabilisiert.

"Bin nicht beunruhigt"
Die EZB solle sich auf die zugrunde liegenden Preistrends konzentrieren, bei denen laut Prognose nur ein geringes Unterschreiten des Ziels erwartet werde. "Ich gerate nicht in Panik wegen eines großen Inflationsanstiegs", sagte Schnabel. "Aber das makroökonomische Gesamtbild ist eines, in dem keine anhaltenden disinflationären Kräfte erkennbar sind. Deshalb bin ich nicht beunruhigt." (mb/Bloomberg)