Die Eurozone steht wegen der Corona-Pandemie vor einer schweren Rezession – davon ist die Europäische Zentralbank (EZB) überzeugt. Die obersten Währungshüter gehen davon aus, dass das Wachstum im laufenden Jahr auf ein Minus von 8,7 Prozent fallen wird. Für 2021 gehen sie von einem Plus von 5,2 Prozent aus und für 2022 von 3,3 Prozent, berichtet das "Handelsblatt".

Die Prognosen sind umso erschreckender, als dass die Notenbank ihre gewaltigen Anleihekäufe in den Berechnungen bereits berücksichtigt hat. Am Donnerstag ( 4. Juni) gab die EZB bekannt, dass sie die Käufe im Rahmen des "Pandemic Emergency Purchase Programmes " (kurz: PEPP) von 750 Milliarden auf 1,35 Billionen Euro ausweiten will, die Laufzeit soll um ein halbes Jahr bis mindestens Mitte 2021 verlängert werden. Mit einem Abbau der aufgehäuften Bestände will die Notenbank frühestens 2023 beginnen.

Damit entsprach die Notenbank im Großen und Ganzen den Markterwartungen, sagt Jon Day, Fondsmanager bei BNY Mellon. Angesichts des Emissionsvolumens sowohl von Staats- als auch von Unternehmensanleihen hatte die EZB kaum eine andere Wahl, als ihr Programm zu erhöhen oder zu verlängern. "Die Unsicherheit am Markt ist nach wie vor hoch", sagt der Experte. Die Unternehmen würden dringend Cash benötigen, um ihre Bilanzen zu stabilisieren. "Die EZB gibt die notwendige Hilfe und verringert den Druck auf den Markt, die Anleiheemissionen zu absorbieren."

Erneute Ausweitung denkbar, aber unwahrscheinlich
Neben den Wirtschaftsdaten dürfte auch die anhaltend niedrige Inflation eine Rolle bei der Entscheidung der Währungshüter gespielt haben. Sie verharrt weiterhin deutlich unter der Zwei-Prozent-Marke, beobachtet DWS-Volkswirtin Ulrike Kastens. Ihrer Ansicht nach verfolgt EZB-Chefin Christine Lagarde mit dem Programm das hehre Ziel, die finanziellen Rahmenbedingungen zu verbessern. "Diese sind für die konjunkturelle Erholung essentiell", sagt die Ökonomin. Laut EZB sei das PEPP-Programm mit seiner Flexibilität am besten dafür geeignet, diese Ziele zu erreichen.

Würden die PEPP-Anleihekäufe im Ausmaß der vergangenen drei Monate beibehalten, dürfte das neue Volumen bis Ende des ersten Quartals 2021 ausgeschöpft sein, prognostiziert der Fondsanbieter Bantleon. Es könnte daher sein, dass die Währungshüter das Anleihekaufprogramm noch ein weiteres Mal ausweiten werden.

Die Autoren halten das allerdings für unwahrscheinlich. "Angesichts der von uns erwarteten spürbaren Konjunkturerholung im zweiten Halbjahr 2020 gehen wir zum jetzigen Zeitpunkt eher davon aus, dass das wöchentliche Netto-Kaufvolumen ab Ende dieses Jahres bzw. ab Anfang 2021 gedrosselt wird", heißt es in dem Bericht. Gegen eine nochmalige Aufstockung spreche auch die Anpassung der Pressemitteilung. Anders als im April werde nun nicht mehr explizit auf die Bereitschaft verwiesen, das Volumen des PEPP auszuweiten. (fp)