Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht "erhöhte" Risiken für die Finanzstabilität in der Eurozone. Überdehnte Vermögensbewertungen, die anfällig für starke Anpassungen sind, sowie fiskalische Herausforderungen in einigen Ländern könnten das Vertrauen der Investoren auf die Probe stellen.

Risiko abrupt umschlagender Marktstimmung
"Die Marktstimmung könnte abrupt kippen – etwa aufgrund sich verschlechternder Wachstumsaussichten oder enttäuschender Nachrichten zur Einführung künstlicher Intelligenz", schrieb die EZB in ihrem am Mittwoch (26.11.) veröffentlichten halbjährlichen Finanzstabilitätsbericht.

Die Notenbank warnte zudem, dass Sorgen über hohe öffentliche Schulden in einigen Industrieländern die globalen Anleihemärkte belasten könnten – mit potenziellen Auswirkungen auf internationale Kapitalflüsse und Wechselkurse.

Globale Aufseher mahnen ebenfalls zur Vorsicht
Der Bericht spiegelt jüngste Warnungen von Zentralbankern und Aufsehern weltweit wider, die ebenfalls vor steigenden Finanzstabilitätsrisiken warnen – darunter rekordhohe Bewertungen an den Finanzmärkten, wachsende öffentliche Schulden und anhaltende Handelsunsicherheiten.

KI-Boom ruft Sorge über schnelle Korrektur hervor
Besonders der starke Kursanstieg von KI-bezogenen Unternehmen hat die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich gezogen. Offizielle Stellen befürchten eine rasche Korrektur. Zuletzt haben Anleger begonnen, den Umfang der Investitionen in die Technologie in Frage zu stellen. Dies hat dazu beigetragen, dass der S&P 500 auf dem Weg zu seinem ersten Monatsminus seit April ist.

Hohe Bewertungen und Marktkonzentration als Risikofaktor
Die EZB betonte in ihrem Bericht, dass "anhaltend hohe Bewertungen und eine zunehmende Konzentration an den Aktienmärkten" das Risiko plötzlicher Kurskorrekturen erhöhen. "Liquiditätsungleichgewichte in offenen Fonds, Bereiche hoher Verschuldung bei Hedgefonds und Intransparenz in privaten Märkten könnten Marktstress verstärken", hieß es weiter.

Staatsschuldenanpassungen schwerer verkraftbar
Mit Blick auf eine mögliche Neubewertung von Staatsrisiken stellte die EZB fest, diese wäre "heute schwieriger zu verkraften als früher", da sich die Investorenbasis zunehmend hin zu stärker preisempfindlichen Anlegern verlagert habe.

Jüngst habe sich die Risikowahrnehmung "auf die sich verschlechternde fiskalische Entwicklung in Frankreich" konzentriert. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone kämpft damit, ihr Haushaltsdefizit und die Schuldenlast zu begrenzen.

Handelspolitische Unsicherheit bleibt bestehen
Gleichzeitig hob die EZB hervor, dass trotz einzelner Handelsabkommen Zweifel über die Zukunft und die längerfristigen wirtschaftlichen und finanziellen Auswirkungen von Zöllen weiterhin die Stabilitätslage der Eurozone prägen.

"Indikatoren der handelspolitischen Unsicherheit haben sich deutlich von ihren Höchstständen im April entfernt", sagte EZB-Vizepräsident Luis de Guindos. "Aber die Unsicherheit hält an – mit Potenzial für erneute Ausschläge." (mb/Bloomberg)