Die Europäische Zentralbank (EZB) hat auf ihrer Sitzung am gestrigen Donnerstag (10. September) keine neuen Hilfen für die Wirtschaft beschlossen. Die bereits laufenden billionenschweren Anleihekäufe gehen weiter wie bisher, also in gleichbleibendem Umfang bis vorerst bis Ende Juni 2021. Anleger hatten offenbar mit nichts anderem gerechnet. Die Gelassenheit an den Kapitalmärkten könnte damit zusammenhängen, dass EZB-Chefin Christine Lagarde betonte, im Ernstfall rasch handeln zu können. Sollte es nötig werden, würde die EZB ihre sämtlichen geldpolitischen Instrumente neu justieren, um die Wirtschaft zu stützen. Dass sie dies gestern nicht getan hat, spricht für die Stärke der aktuellen Erholung.

Die Konjunktur in der Eurozone hat im zweiten Quartal etwas weniger unter der Covid-19-Pandemie gelitten als zunächst befürchtet. Die Wirtschaft in der Währungsunion ist in diesem Zeitraum um 11,8 Prozent geschrumpft. Die EZB hatte mit 13 Prozent Minus gerechnet. Für das kommende Jahr prognostizieren die Währungshüter ein Wachstum von fünf Prozent, für das Jahr 2022 rechnen sie mit einem Plus von 3,2 Prozent. Die Leitzinsen sollen zunächst auf dem aktuellen Niveau bleiben, falls nötig könnte der EZB-Rat sie sogar noch weiter senken. Die Notenbank will erst dann am Zinsniveau schrauben, wenn sich die Inflationsaussichten dem langjährigen EZB-Zielwert von zwei Prozent annähern.

Lagarde will Euro-Aufwertung im Blick behalten
Für Aufmerksamkeit sorgte, dass Lagarde den Wechselkurs des Euro kommentierte. Die europäische Gemeinschaftswährung hat gegenüber dem US-Dollar zuletzt kräftig aufgewertet. In der vergangenen Woche übersprang der Wechselkurs sogar die Marke von 1,20 Dollar. Die EZB darf zwar keine direkte Wechselkurspolitik betreiben, schreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ). Sie wird die Verteuerung des Euro aber dennoch im Blick behalten. "Wir müssen die Angelegenheit aufmerksam beobachten", zitiert die FAZ die EZB-Chefin.

Lagarde äußerte sich auch zu den Plänen der US-Notenbank Fed, künftig eine höhere Inflationsrate als zwei Prozent zu tolerieren. Marktbeobachter hatten geunkt, dass die EZB nachziehen könnte. Es gebe aber Unterschiede zwischen den beiden großen Notenbanken, sagte Lagarde. Anders als die EZB habe die Fed zum Beispiel nicht nur die Preisstabilität, sondern auch die Beschäftigungssituation im Blick. Bei der nächsten Diskussion über die strategische Neuausrichtung der EZB werde das Inflationsziel dennoch ebenfalls Thema sein. (fp)