EZB-Rat Pierre Wunsch tendiert nach eigener Aussage derzeit dazu, den durch die Kämpfe im Nahen Osten verursachten sprunghaften Anstieg der Energiepreise zunächst außer Acht zu lassen.

Sollten die Währungshüter der Europäischen Zentralbank jedoch mit einem "Ölschock" konfrontiert werden, müssten sie die Lage neu bewerten und über Maßnahmen entscheiden, sagte der belgische Zentralbankchef am Montag (2.3.) vor Journalisten in Brüssel. Trotz der Wahrscheinlichkeit, dass höhere Ölpreise auch die Wirtschaft belasten würden, wäre ein solches Szenario insgesamt vermutlich inflationär.

Keine überstürzte Reaktion
"Wir wissen noch nicht viel, daher würde ich sicherlich nicht überstürzt auf Bewegungen bei den Energiepreisen reagieren", sagte Wunsch. "Wenn es länger anhält, wenn der Anstieg der Energiepreise stärker ausfällt, dann müssen wir unsere Modelle laufen lassen und sehen, was passiert."

Der eskalierende Krieg im Nahen Osten hat zu einem Anstieg der Ölpreise geführt und Inflationssorgen geschürt. Händler reduzierten am Montag (2.3.) ihre Wetten auf zusätzliche Zinssenkungen der EZB in diesem Jahr. Der Ökonom Sören Radde vom US-Hedgefonds Point72 Asset Management erklärte sogar, die Währungshüter könnten nun eher zu einer Erhöhung neigen.

Inflationserwartungen im Blick
Während Zentralbanken wie die EZB dazu tendieren, einmalige Effekte zu ignorieren, sind sie gegenüber Risiken für die Inflationserwartungen der Verbraucher wachsam – insbesondere nachdem sich der Preisschock von 2022 als hartnäckiger erwiesen hatte als ursprünglich erwartet. EZB-Präsidentin Christine Lagarde erklärte vergangene Woche, dass die Entscheidungsträger die weiterhin erhöhte Inflationswahrnehmung im Auge behalten müssten.

Die EZB prognostiziert für dieses Jahr und das nächste ein leichtes Unterschreiten der Teuerungsziele, mit einer Rückkehr zur Zwei-Prozent-Marke im Jahr 2028. Während sich die meisten Offiziellen mit den derzeitigen geldpolitischen Parametern wohlfühlen, betonen sie angesichts der Ungewissheit eine "volle Optionalität" für die nächsten Schritte.

Offen für neue Entwicklungen
"Man sollte durch die Entwicklungen 'hindurchschauen' und abwarten, wie sie sich gestalten", sagte Wunsch. "Aber wir müssen offen für andere Entwicklungen sein, je nachdem, was wir sehen."

Wunschs irischer Kollege Gabriel Makhlouf sagte, es sei "viel, viel zu früh, um zu Schlussfolgerungen zu kommen", wenngleich die Situation Teil der Diskussionen beim nächsten Ratstreffen sein werde. "Unternehmen sind sich unsicher über ihre Investitionsentscheidungen – ob sie diese verschieben sollen oder nicht", sagte er im irischen Rundfunk mit allgemeinem Bezug auf die geopolitischen Ereignisse des vergangenen Jahres. "Wir beobachten das also sehr genau."

Ökonomen-Umfrage untermauert Inflationsrisiken
Auch eine weltweite Umfrage der Nachrichtenagentur "Bloomberg" unter Ökonomen deutet auf zunehmende Inflationsrisiken infolge des Iran-Kriegs hin. Demnach dürfte der Konflikt die Teuerung weltweit anziehen lassen, während die Wachstumsaussichten vorerst wohl weitgehend unberührt bleiben. 

In der Eurozone erwartet die Hälfte der Befragten eine etwas schnellere Teuerung, in den USA rechnet ein ähnlich großer Anteil mit dem gleichen Effekt. In China gehen fast 40 Prozent von einem solchen Szenario aus. Gemeint ist jeweils eine Beschleunigung der Verbraucherpreisanstiege um 0,3 bis 0,9 Prozentpunkte gegenüber den bisherigen Erwartungen.

Die größte Inflationsgefahr geht von steigenden Öl- und Gaspreisen aus. Durch die Straße von Hormus, durch die normalerweise rund ein Fünftel der weltweit auf dem Seeweg transportierten Lieferungen fließt, ist der Verkehr zum Erliegen gekommen. Die resultierenden Preisanstiege bei Öl und Gas treiben auch Flugpreise und Vertriebskosten in die Höhe. Hält der Konflikt an, drohen zudem breitere Risiken für die Lieferketten. (mb/Bloomberg)