Die Europäische Zentralbank (EZB) wird ihre Zinsen laut Ratsmitglied Peter Kazimir bei ihrer nächsten Sitzung im Juni wegen des Iran-Kriegs höchstwahrscheinlich anheben müssen.

Die Währungshüter hätten sich zwar nicht auf einen Kurs festgelegt, und es seien weitere Daten nötig, um die Folgen des Konflikts abzuschätzen. "Wir bleiben jedoch standhaft in unserem Ansatz", sagte der slowakische Notenbanker. "Auf dieser Grundlage ist eine Straffung der Geldpolitik im Juni so gut wie unvermeidlich", schrieb Kazimir am Montag (4.5.) in einem Gastbeitrag. "Es wird immer wahrscheinlicher, dass wir uns auf eine längere Phase breit angelegter Preissteigerungen bei zugleich sichtbar schwächerem Wachstum im Euroraum einstellen müssen."

Die EZB hatte am vergangenen Donnerstag (30.4.) die Kreditkosten unverändert gelassen, zugleich aber signalisiert, dass bei der Sitzung am 10. und 11. Juni eine Zinserhöhung erwogen wird. Bundesbankpräsident Joachim Nagel sagte am Freitag (1.5.), ein solcher Schritt werde nötig sein, falls sich der Ausblick bei Inflation und Wirtschaftswachstum nicht deutlich verbessere.

Uneinigkeit im Rat
Einige seiner Kollegen schlossen sich diesen Äußerungen an, andere äußerten sich vorsichtiger. "Offensichtlich sprechen wir über eine mögliche Zinserhöhung im Juni", sagte Gediminas Simkus aus Litauen am Montag (4.5.). "Aber ob die Entscheidung tatsächlich getroffen wird, hängt von der Lage und den Daten ab." Sollte der Konflikt im Nahen Osten beigelegt werden, "wäre das ein Faktor, der es uns erlauben würde, über eine andere Entscheidung nachzudenken", fügte er hinzu.

Die meisten Ökonomen und Investoren erwarten im kommenden Monat eine Anhebung um einen Viertelpunkt. An den Märkten werden bis Jahresende zwei weitere Schritte eingepreist.

Energieschock als Inflationsrisiko
Zwar könne die EZB wenig tun, um den direkten Inflationsschub durch den Energieschock auszugleichen. Höhere Öl- und Gaspreise würden sich aber "unweigerlich auch auf den Rest der Wirtschaft auswirken", sagte Kazimir.

Die EZB begegne den aktuellen Herausforderungen aus einer "Position der Stabilität", sagte er. "Die Erinnerung an die Jahre hoher Inflation ist frisch, aber ebenso unser Erfolg bei der Rückführung der Inflation auf das Zielniveau."

EZB-Umfrage: Inflation bald wieder auf Zielkurs
Ermutigende Nachrichten gab es am Montag (4.5.) zu den Aussichten, dass die Teuerung wieder auf zwei Prozent zurückgeht. Eine von der EZB veröffentlichte Umfrage zeigte, dass professionelle Prognostiker wegen des Kriegs nur einen vorübergehenden Anstieg erwarten. Für dieses Jahr rechnen sie mit einer durchschnittlichen Inflation von 2,7 Prozent, für 2027 und 2028 mit einem Rückgang auf 2,1 beziehungsweise zwei Prozent. (mb/Bloomberg)