EZB-Rat Kocher: Europa muss eigene Zölle beseitigen
Exporte innerhalb der EU haben höhere Zölle als jene, die die USA von uns einheben, kritisiert der österreichische Notenbank-Chef Martin Kocher. In der Beseitigung der europäischen Fragmentierung liege enormes Potenzial für die Wirtschaft.
"Die geopolitischen Herausforderungen führen dazu, dass die Lösung lang bekannter struktureller Probleme in den Hintergrund rückt", warnt OeNB-Gouverneur und EZB-Ratsmitglied Martin Kocher bei einem Vortrag auf dem Branchentreffen der Vereinigung Österreichischer Investmentgesellschaften (VÖIG).
So hätten die EU-Staaten bisher zu wenig auf Deglobalisierungsfaktoren reagiert; etwa auf die zunehmenden Handelsbeschränkungen, die momentan zusätzlich zu den geopolitischen Spannungen belastend wirken. Gab es 2010 um die 200 gezielte Handelsbeschränkungsmaßnahmen wie Zölle, sind es heute global 1.200. Für Europa, das deutlich stärker vom Außenhandel abhängig ist als die USA, ergeben sich daraus große Nachteile.
40 Prozent Zoll innerhalb Europas
Problematisch sei in diesem Umfeld, dass Europa seinen Binnenmarkt zu wenig vereinheitlicht hat. "In der Reduktion der Fragmentierung liegt enormes Potenzial", so Kocher. Er verweist auf eine Untersuchung des Internationalen Währungsfonds (IWF), wonach bei innereuropäischen Exporten faktisch Zölle von durchschnittlich gut 40 Prozent entstehen. Gemeint sind die Kostenunterschiede beim Handel zwischen europäischen Staaten verglichen mit nationalen Warenverkäufen. Im europäischen Dienstleistungssektor würden die inhärenten Zölle sogar bei 100 Prozent liegen. "Oft gäbe es sehr einfache Lösungen", so Kocher. Es gehe mitunter um kleine Schritte, wie das in Landessprache aufzubringende Produktlabel, das sich möglicherweise auch durch einen QR-Code ersetzen ließe.
Am Kapitalmarkt ist diese Binnenmarktentwicklung ebenfalls ernüchternd. Vor der Lehman-Pleite sei die Integration an den europäischen Finanzmärkten deutlich höher gewesen als heute. (eml)















