Europas Währungshüter sind besorgt. Die Wirtschaft im Euroraum habe sich zwar im Sommerquartal kräftig erholt, sagte die Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, auf der Sitzung am gestrigen Donnerstag (29. Oktober). Die steigenden Neuinfektionen in Europa sorgten aber für klaren Gegenwind. Die Notenbank ließ den Leitzins in der Eurozone zwar unverändert bei null Prozent, auch das Anleihekaufprogramm im Volumen von 1,35 Billionen Euro blieb unangetastet, ebenso wie der negative Einlagezins für Banken. Lagarde kündigte aber an, die Geldpolitik auf der nächsten Sitzung im Dezember basierend auf den Wirtschaftsprognosen ihrer Volkswirte zu rekalibrieren – und zu reagieren, sollte Handlungsbedarf bestehen.

Marktbeobachter sehen diese Ankündigung mit gemischten Gefühlen. "Unserer Meinung nach bestünde für die Geldpolitik im Grunde kein Handlungsbedarf", sagt Jörg Angelé, Senior-Ökonom bei der Bantleon Bank. Die Renditen in der Eurozone seien bereits äußerst niedrig, die Risikoaufschläge gering und die Banken umfassend mit Liquidität versorgt. Für Angelé ist die Eindämmung der negativen Folgen der Pandemie daher Hauptaufgabe der Fiskalpolitik, nicht der EZB. 

Ausweitung des Anleihekaufprogramms
Auch Andreas Billmeier, Research-Analyst bei Western Asset Management, ist sich unsicher, ob neue oder schärfere geldpolitische Maßnahmen das geeignete Mittel sind. "Die Frage wird sein, ob dieser Rückenwind für die Wirtschaft stark genug ist, um den Gegenwind zu brechen, der aus wiederaufflammenden Risiken im Zusammenhang mit der Pandemie, enttäuschenden fiskalischen Plänen für das nächste Jahr oder anderen externen, auch politischen Faktoren herrührt", sagt er.

Die DWS geht indes davon aus, dass die Notenbank im Dezember das Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) von derzeit 1,35 Billionen Euro um 500 Milliarden Euro aufstocken und bis Ende 2021 verlängern wird. "Es ist nach wie vor das flexibelste Instrument, über das sie zurzeit verfügt, auch wenn Christine Lagarde alle geldpolitischen Instrumente auf den Prüfstand stellt und auf Nachfrage keines ausschließen wollte", sagt Ulrike Kastens, Volkswirtin Europa bei der DWS. 

Mit einer Senkung des Einlagensatzes rechnet sie nicht. Dafür hält die Ökonomin eine erneute Verbesserung der Konditionen für Langfristtender (TLTROs) für möglich – besonders vor dem Hintergrund der zuletzt wieder verschärften Standards für Unternehmenskredite. (fp)