EZB vor Zinsschritt: Bundesbankchef lässt kaum noch Zweifel offen
Die Märkte rechnen fest mit einer EZB-Zinserhöhung im September. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hält diese Erwartung für plausibel, bleibt beim weiteren Kurs vorsichtig – und kritisiert die USA wegen der nicht abgestimmten Intervention zugunsten des Yen.
EZB-Ratsmitglied Joachim Nagel hat signalisiert, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen in der kommenden Woche anheben wird. Mit Aussagen über den weiteren Kurs hielt er sich jedoch zurück.
"Die Märkte preisen eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 95 Prozent ein, dass wir die Zinsen auf unserer September-Sitzung erhöhen werden. Ich würde sagen, dass die Märkte derzeit ein recht gutes Verständnis davon haben, wie wir wahrscheinlich reagieren werden", sagte Nagel der französischen Tageszeitung "Le Monde" in einem am Mittwoch (2.9.) veröffentlichten Interview.
Keine Festlegung auf weitere Schritte
Auf mögliche weitere Maßnahmen wollte sich der Bundesbank-Präsident allerdings nicht festlegen. "Unser Ansatz, von Sitzung zu Sitzung zu entscheiden, hat sich in der Vergangenheit bewährt und wird dies sicherlich auch in Zukunft tun", erklärte Nagel.
"Über die September-Sitzung hinaus bin ich jedoch vorsichtig damit, konkrete Hinweise zu geben", sagte er. "Die Öl- und Gaspreise schwanken weiterhin. Die Finanzmärkte sind äußerst volatil. Die Unsicherheit ist groß. Es ist eine unangenehme Situation – auch aus geldpolitischer Sicht."
Inflation liegt weiterhin über dem Ziel
Die Währungshüter haben eine weitere Zinserhöhung in der kommenden Woche bereits deutlich signalisiert. Im Juni hatte die EZB die Zinsen um einen Viertelprozentpunkt angehoben. Die Inflation im Euroraum sprang im August auf 3,3 Prozent, wie am Dienstag (1.9.) veröffentlichte Daten zeigten. Zugleich erweist sich die Wirtschaft gegenüber Belastungen wie dem Iran-Krieg als widerstandsfähiger als erwartet.
"Die Inflation liegt nicht in der Nähe unseres mittelfristigen Ziels", sagte Nagel. "Sie beträgt rund drei statt zwei Prozent. Und den Projektionen vom Juni zufolge wird die Inflation mittelfristig nur dann auf zwei Prozent zurückkehren, wenn die Zinsen höher liegen."
Kritik an nicht abgestimmter Yen-Intervention
Am Rande des Treffens der Finanzminister und Notenbankchefs der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer im US-amerikanischen Asheville kritisierte Nagel zudem die Vereinigten Staaten. Diese hatten bei einer Intervention zur Stützung des japanischen Yen Euro verkauft, ohne sich zuvor mit den europäischen Partnern abzustimmen.
"Natürlich wäre es wünschenswert gewesen – und dies entsprach in der Vergangenheit auch der üblichen Praxis –, solche Interventionen vorab abzustimmen und zu besprechen", sagte Nagel auf einer Pressekonferenz.
Japan hatte Ende Juli am Devisenmarkt interveniert. US-Finanzminister Scott Bessent bestätigte Anfang August, dass die Vereinigten Staaten dabei geholfen hatten, "ungeordnete" Bewegungen des Yen zu bekämpfen. Später wurde bekannt, dass dabei nicht Dollar, sondern Euro eingesetzt worden waren – ein beispielloser Bruch mit langjährigen Gepflogenheiten.
"Dieses Thema wurde hier angesprochen und offen diskutiert", erklärte Nagel. "Ich denke, es hat – im positiven Sinne – einen Nerv getroffen, weil die Beteiligten verstanden haben, warum wir in Europa, im Eurosystem, nicht gerade erfreut darüber waren, dass es im Vorfeld keine Abstimmung gegeben hatte."
Zuletzt hatten die USA und Japan 2011 gemeinsam am Devisenmarkt zugunsten des Yen interveniert. Damals hatten die Staaten der Gruppe der Sieben dazu beigetragen, den übermäßig starken Yen zu schwächen. Für mögliche künftige Eingriffe forderte Nagel eine Rückkehr zur vorherigen Abstimmung: "Entscheidend ist nun mit Blick nach vorn, dass solche Maßnahmen, sollten sie jemals wieder ergriffen werden, zuvor miteinander koordiniert werden." (mb/Bloomberg)















