Die US-Notenbank Fed hat unlängst ihr jahrelanges Inflationsziel von zwei Prozent aufgegeben, sie akzeptiert künftig auch höhere Teuerungsraten. Die Europäische Zentralbank (EZB) könnte nachziehen. Für den gesellschaftlichen Frieden ist diese Entwicklung gefährlich, warnt der Finanzexperte und Buchautor David Marsh. Sie könnte die soziale Ungleichheit verstärken und Spaltungstendenzen in der Gesellschaft befeuern. "Wer Wohneigentum oder Aktien hat, freut sich, weil beides mit der Inflation mehr wert wird", erklärt Marsh im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Wer indes kaum Vermögen besitzt und zur Miete wohnt, spürt steigende Preise dagegen im Portemonnaie. Das Ergebnis: "Die gesellschaftliche Kluft wächst, was wiederum den Populisten hilft – eine Tendenz, die man schon sieht", sagt Marsh.

Die großen Notenbanken versuchen seit Jahren erfolglos, die Teuerung in die Nähe der Marke von zwei Prozent zu hieven. Ihre vergebliche Mühe bedeutet aber nicht, dass die Inflation tot ist, sagt Marsh. "Sie kann wieder zu einem Risiko werden, einer echten Gefahr angesichts der schuldenfinanzierten Staatsausgaben im Kampf gegen die Pandemie", warnt er. Dass sich die Währungswächter bald womöglich nicht mehr dafür zuständig fühlen, den Anstieg der Verbraucherpreise unter Kontrolle zu halten, findet der ehemalige "Financial Times"-Journalist und Ex-Investmentbanker besorgniserregend. "Steigende Teuerungsraten müssten die Notenbanken eigentlich bekämpfen", sagt er. "Doch von diesem Kampf verabschieden sie sich."

Von der Geldpolitik zur Politik
Marsh zufolge bahnt sich eine neue geldpolitische Ära an. "Die Fed hat immer darauf geachtet, mit ihrer Geldpolitik gleichermaßen die Inflation wie auch die Arbeitslosigkeit im Zaum zu halten", sagt er im "Spiegel"-Interview. "Das ist jetzt vorbei." Er beobachtet eine zunehmende Politisierung der Notenbanken. "Die neue Fed-Strategie ist das stärkste Zeichen dafür, dass die Notenbanken immer mehr Aufgaben übernehmen, für die Politiker zuständig sind, etwa die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit", argumentiert er. Die EZB wird der Fed bald nachfolgen, ist Marsh überzeugt – und zieht ein harsches Fazit: "Wir erleben das Ende der unabhängigen Notenbanken." (fp)