Der deutsche Fondsverband BVI wendet sich entschieden gegen ein allgemeines Leerverkaufsverbot in der Europäischen Union (EU). "Ein Leerverkaufsverbot für in der EU gehandelte Wertpapiere macht nur selektiv für bestimmte Unternehmen und Branchen Sinn, und selbst dann ist die Wirksamkeit zweifelhaft", sagt BVI-Hauptgeschäftsführer Thomas Richter. 

Bereits heute können die nationalen Aufsichtsbehörden im Einzelfall temporäre Leerverkaufsverbote erlassen, wenn sie die Marktintegrität oder das Marktvertrauen als bedroht erachten. Der aktuelle Kursverfall an den Aktienmärkten habe aber fundamentale Ursachen, so Richter. "Gedeckte Leerverkäufe sind keine Spekulation", erklärt er.

ESMA hat bereits reagiert
Die europäische Wertpapieraufsichtsbehörde ESMA hatte bereits am 16. März 2020 vorsorglich die Meldeschwellen für das verpflichtende Reporting über Leerverkäufe herabgesetzt. Seitdem müssen Investoren ihren nationalen Aufsichtsbehörden entsprechende Netto-Positionen schon ab 0,1 Prozent statt wie zuvor erst ab 0,2 Prozent melden. 

"Das ist eine geeignete Maßnahme der Regulatoren, um auf europäischer Ebene einen Überblick zu bekommen und gegebenenfalls weitere Schritte einzuleiten", sagt Richter. Temporäre Eingriffe in den Markt müssten genügen. "Statt eines allgemeinen Leerverkaufsverbots wäre es derzeit besser, die ESMA würde für eine Angleichung der nationalen Alleingänge sorgen", konstatiert er.

So funktionieren Leerverkäufe
Mit Leerverkäufen wetten Anleger auf einen Kursverfall bestimmter Aktien. Dafür leihen sie sich die Papiere gegen eine Gebühr aus und verkaufen sie dann zum aktuellen Kurs. Sofern der Preis bis zum Datum der Rückgabe fällt, können die Investoren die Wertpapiere günstiger erwerben, die Differenz ist ihr Gewinn. Steigt der Kurs hingegen, drohen Verluste.

Nach den massiven Einbrüchen an den Börsen haben mehrere EU-Länder Leerverkäufe vergangene Woche ganz oder teilweise verboten. Die französische Wertpapieraufsicht AMF hatte sie zunächst für 24 Stunden untersagt und das Verbot auf Titel beschränkt, die an einem Tag einen Kurssturz von mehr als zehn Prozent verzeichnet hatten. Am Mittwoch weitete die Behörde das Verbot jedoch auf alle in Paris gehandelten Aktien aus und verlängerte es auf einen Monat. Belgien, Spanien und Österreich haben ebenfalls ein einmonatiges Leerverkaufsverbot erlassen, in Italien gilt das Verbot sogar für drei Monate.

Die Linke fordert Verbot
Die verhängten Verbote bringen nun die Behörden für Wertpapieraufsicht anderer EU-Staaten sowie die ESMA unter Zugzwang. In Deutschland hat der Bundestagsabgeordnete Fabio de Masi (Die Linke) am Dienstag vergangener Woche ein Leerverkaufsverbot gefordert. "Die EU braucht jetzt eine koordinierte Finanzaufsicht und sollte gedeckte Leerverkäufe sowie den Hochfrequenzhandel an allen europäischen Finanzplätzen untersagen", erklärte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ). (am)