Herr Hellers, Fidelity war in der jüngsten Zeit mit einer ganzen Reihe von Meldungen zu personellen Veränderungen in den Medien. Von Abwanderungswelle oder Exodus war die Rede. Ärgert Sie eine solche Berichterstattung nicht?

Claude Hellers: Ärgern ist vielleicht das falsche Wort, ich würde sagen, dass ich mich eher gewundert habe. Natürlich befindet sich der Bereich, den ich verantworte, also der Retail- und Wholesale-Vertrieb, in einem Prozess der Umstrukturierung. Allerdings kann ich es nur zu einem gewissen Grad verstehen, wenn in diesem Zusammenhang von Abwanderungswelle die Rede war. Natürlich fällt es auf, wenn ein Unternehmen mehrere wichtige Personen aus der Geschäftsführung verliert. Aber wenn man bedenkt, dass wir hier in Deutschland mehr als 300 Mitarbeiter beschäftigen und die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit allein in meinem Bereich über neun Jahre beträgt, dann stehen wir damit deutlich besser da als das durchschnittliche Unternehmen in Deutschland.

Wie sehen Ihre Pläne zur Umstrukturierung des Unternehmens genau aus?

Hellers: Wir strukturieren ausschließlich den Retail- und Wholesale-Vertrieb um, nicht das gesamte Unternehmen. Die anderen Bereiche bleiben so, wie sie sind. In meinem Bereich werden wir die Kanalstruktur, wie sie schon heute besteht, weitgehend beibehalten, so dass es auch künftig einen eigenen verantwortlichen Betreuer für die Bereiche Versicherungen und freie Berater (IFAs), Banken sowie Family Offices und Wealth Management geben wird. Neu ist, dass die IFAs künftig in einem gemeinsamen Kanal gemeinsam mit den Versicherungen betreut werden, für den Nils Hemmer verantwortlich sein wird.

Die Betreuung von IFAs lag bisher in den Händen von Philipp von Königsmarck, der hier erfolgreich agiert hat. Warum zieht man eine so gute Besetzung ab, um dann auch noch die Zuordnung zusätzlich zu verändern?

Hellers: Die neue Struktur hat nichts mit den Verdiensten von Philipp von Königsmarck zu tun, im Gegenteil: Er wird künftig den Bereich Family Offices und Wealth Management betreuen, gerade weil wir dort in der Vergangenheit eher unterrepräsentiert gewesen sind.

Oder ist Ihnen der IFA-Kanal nicht mehr so wichtig, wenn die freien Berater künftig gemeinsam mit Versicherungen betreut werden?

Hellers: Ganz im Gegenteil, wir sind uns durchaus darüber bewusst, dass die freien Berater einen wesentlichen Anteil am Erfolg von Fidelity in Deutschland gehabt haben und nach wie vor haben. Allerdings durchläuft auch dieser Bereich eine spürbare Veränderung. Aufgrund einer deutlich schärfer gewordenen Regulierung wird der freie Berater künftig neben der Einzelfondsauswahl für seinen Kunden zunehmend auf Vermögensmanagement-Lösungen wie etwa das von uns angebotene Systematische Anlage Management, abgekürzt SAM, zurückgreifen. Das ist eine Entwicklung, die auch im Bereich der Versicherungsvermittler immer stärker zum Tragen kommt. Von daher werden die Anforderungen dieser beiden Bereiche zunehmend ähnlicher. Zusätzlich haben wir in Deutschland künftig vier regional arbeitende Betreuer für die Bereiche IFAs, Versicherungen und Banken. Damit wollen wir eine noch gezieltere Unterstützung für diese Bereiche sicherstellen. Darüber hinaus wird künftig ein eigener "Sales-Desk" hier in der Zentrale in Kronberg für einen noch besseren Informations- und Service-Fluss sorgen.

Wenn man allerdings nach Großbritannien schaut, dann führen Entwicklungen wie die Einführung des Retail Distribution Review oder eine zunehmende Anzahl von Beratern, die auf Honorarberatung setzen, eher zu einer stärkeren Professionalisierung im Vertrieb. Wie gehen Sie damit um?

Hellers: Die Beobachtung ist durchaus richtig, und wir sind darauf vorbereitet, dass es auch in Deutschland zu einer ähnlichen Entwicklung kommen kann. Ein Berater, der statt einer Komplettlösung wie SAM eine eigene Anlageallokation für seine Kunden aufsetzen möchte, würde dann in den Bereich Family Offices und Wealth Management wechseln.

Man hört zudem von einer noch unbesetzten Position eines "Fund Selection Unit"-Spezialisten. Was verbirgt sich hinter dieser komplexen Bezeichnung?

Hellers: Im Idealfall wird das jemand sein, der zum einen eine gehörige eigene Erfahrung im Management von Kundengeldern mitbringt und zum zweiten Erfahrung in der Auswahl dafür passender Investmentfonds. An dieser bisher noch unbesetzten Schaltstelle sollte jemand sitzen, der sozusagen aus der Perspektive des Kunden denkt, und den Vertrieb dabei unterstützt, ein professionell auf die Bedürfnisse des Anlegers zugeschnittenes Portfolio zusammenzustellen.

Insgesamt sah es ja nicht gerade rosig aus mit Blick auf die Absatzzahlen von Fidelity in der jüngeren Vergangenheit. Ist Ihre Gesellschaft, die ja nicht nur im Bereich Wholesale mit den unterschiedlichsten Vertriebskanälen arbeitet, sondern auch im institutionellen Geschäft und vor allem auch im Direktgeschäft aktiv ist, eventuell zu wenig fokussiert? Tanzen Sie auf zu vielen Hochzeiten?

Hellers: Das ist aus meiner Sicht eine alte Diskussion oder besser gesagt ein künstlich aufgebauter Widerspruch, der auf die heutige Situation einfach nicht mehr zutrifft. Man muss doch feststellen, dass es Kunden gibt, die eine Beratung erwarten, aber genauso gut gibt es Anleger, die ihre Fondsauswahl selbst treffen und an einem möglichst kostengünstigen Erwerb interessiert sind. Unsere Aufgabe ist es, die verschiedenen Vertriebskanäle professionell zu betreuen, aber letztlich sollte der Kunde selbst entscheiden können, über welchen Weg er unsere Produkte kaufen möchte.

Bleibt die Frage, wie es weitergeht mit der Geschäftsleitung in Deutschland. Immerhin ist Ihr Unternehmen schon seit Februar nach dem Weggang von Christian Wrede ohne Führung.

Hellers: Das stimmt ja so keineswegs. Seit dem Weggang von Christian Wrede hat mit sofortiger Wirkung unser Managing Director Continental Europe, Jon Skillman, interimsweise die Gesamtführung für Deutschland und Österreich übernommen. Er ist regelmäßig in Kronberg. Daneben gibt es für einzelne Vertriebskanäle und Geschäftsbereiche jeweils Geschäftsführer, beispielsweise mich.

Aber Sie werden doch zustimmen, dass es schon ungewöhnlich ist, wenn ein Unternehmen über ein halbes Jahr ohne gesamtverantwortlichen Geschäftsführer arbeitet. Zumal es eine interne Liste von mehr als 70 Kandidaten geben soll, die für eine Nachfolge Wredes in Frage kommen würden.

Hellers: Das kann ich so nicht weiter kommentieren, aber eines sollten wir doch einmal festhalten: Es geht nicht darum, ein Rennen zu gewinnen, sondern vielmehr, den geeigneten Kandidaten für diese Position zu finden. Bis dahin ist diese Aufgabe bei Jon Skillman, der das deutsche Geschäft bereits Anfang der 2000er Jahre unter dem damaligen Geschäftsführer Thomas Balk, heute Vorstand der Financial Services Group der gesamten Fidelity-Gruppe, kennen gelernt hat und bestens damit vertraut ist, in den besten Händen.

Wie lange werden Sie selbst noch bei Fidelity sein?

Hellers: Ich arbeite seit 15 Jahren für unser Unternehmen und plane, langfristig weiter dabei zu bleiben. Die Tatsache, dass ich mich gemeinsam mit meiner ganzen Familie zum Umzug von Luxemburg in den Taunus entschlossen habe, mag Ihnen Beleg genug dafür sein, dass es mir damit durchaus ernst ist. Ich habe in den vergangenen Monaten in einem intensiven Kontakt sowohl mit Vertriebspartnern als auch mit Kunden gestanden. Das hat mir ein Gefühl dafür gegeben, dass die Marke Fidelity nach wie vor extrem stark wahrgenommen wird in Deutschland. Die notwendige Investmentkompetenz sowie die passenden Produkte haben wir bei Fidelity ohnehin dafür. Wir müssen vielleicht nur deutlicher machen, dass wir nicht nur für die Aktienanlage stehen, sondern auch in Bereichen wie unserer "Fidelity Active Strategy"-(FAST)-Palette, Fixed Income, High-Yield-Anlagen oder Emerging Markets Debt sehr viel zu bieten haben. (hh)