Gegen den Konsens: Warum J.P. Morgan AM jetzt auf Europa setzt
Europäische Aktien bieten nach Ansicht einer Strategin von J.P. Morgan Asset Management derzeit attraktive Einstiegsmöglichkeiten. Die Skepsis vieler Anleger gegenüber der Region könne sich dabei sogar als Vorteil erweisen.
Es ist Zeit, europäische Aktien zu kaufen. Davon ist Karen Ward von J.P. Morgan Asset Management überzeugt.
Die tief verwurzelte Zurückhaltung vieler Anleger gegenüber europäischen Aktien schaffe eine Kaufgelegenheit, sagte sie in einem Interview am Mittwoch (17.6.) in Zürich. Da die Ölpreise auf das Niveau der Anfangsphase des Krieges zurückgefallen seien und die KI-Branche in den USA und Asien starke Kursgewinne verzeichnet habe, seien europäische Aktien im Vergleich weiterhin günstig bewertet und böten einen attraktiven Einstiegspunkt, so die Chef-Marktstrategin für Europa, den Nahen Osten und Afrika.
"Das sagt mir, dass ich richtig liegen muss"
"Ich bin wirklich bullish für Europa – und zwar deshalb, weil niemand meiner Meinung ist. Das sagt mir, dass ich richtig liegen muss", sagte Ward. "Wenn wir sehen, dass dieses Iran-Problem nachlässt und die Ölpreise wieder fallen, dann wird die Europa-Story freigesetzt werden."
Der europäische Leitindex liegt im bisherigen Jahresverlauf weiterhin hinter den Vergleichsindizes in den USA und Asien zurück. Der Bewertungsabschlag hat sich allerdings bereits verringert, seit sich im vergangenen Monat die Anzeichen verdichteten, dass eine Lösung des Konflikts gefunden werden könnte. Die Ölpreise gaben am Donnerstag (18.6.) nach, nachdem US-Präsident Donald Trump ein Übergangsabkommen zur Beendigung des Krieges und zur Wiederöffnung der Straße von Hormus unterzeichnet hatte.
"Europa ist die Antwort"
Sobald eine endgültige Vereinbarung in Kraft trete, dürften die Märkte laut Ward zu ihrer Positionierung vor dem Iran-Krieg zurückkehren. Damals hätten Anleger begonnen, US-Anlagen zu reduzieren, weil sie davon ausgingen, dass die KI-Rally ihren Höhepunkt erreicht haben könnte. Stattdessen hätten sie verstärkt nach Diversifikationsmöglichkeiten in internationalen Märkten gesucht.
"Wir sind wieder bei derselben Frage: Märkte sind nirgendwo günstig, aber wo gibt es noch Aufwärtspotenzial? Und wie kann ich mich von der Tech-Story diversifizieren?", sagte sie. "Das sind die beiden grundlegenden Fragen, und Europa ist die Antwort auf beide."
Viele Anleger bleiben skeptisch
Gleichzeitig seien viele Kunden weiterhin zurückhaltend. Die über ein Jahrzehnt andauernde Underperformance Europas gegenüber den USA sei bei vielen Investoren noch fest verankert. Ward berät von London aus für das Haus Vermögenswerte von 4,3 Billionen US-Dollar.
"Sie sagen: 'Europa ist strukturell nicht in der Lage zu wachsen' – und dann zählen sie all die Punkte auf, über die Mario Draghi immer spricht", erklärte sie mit Blick auf den Bericht des ehemaligen Präsidenten der Europäischen Zentralbank und früheren italienischen Ministerpräsidenten zur Wettbewerbsfähigkeit Europas. Draghis Konzept für Europa fordert sowohl eine stärkere Marktintegration als auch jährliche Investitionen von 1,2 Billionen Euro in digitale Technologien, klimafreundliche Energie und Verteidigung.
Finanzwerte, Industrie und Chemie im Fokus
Ward rechnet zwar mit einer "breiten Neubewertung" des europäischen Aktienmarkts, warnt jedoch vor einigen etablierten Großunternehmen aus der Automobil- und Pharmabranche. Stattdessen bevorzugt sie Sektoren, die von einer "Art globalem Industrieaufschwung" profitieren könnten. Dazu zählen Finanzwerte, Industrieunternehmen und Chemiekonzerne. (mb/Bloomberg)




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