In vergangenen Wirtschafts- und Finanzkrisen gerieten viele Großbanken in Existenznöte. Daraus haben die Geldhäuser offenbar ihre Lehren gezogen. Trotz Pandemie weisen heute nur wenige Institute strukturelle Probleme auf, zeigt eine Studie des Schweizer Bonitätsinstituts Independent Credit View. Demnach liegt das durchschnittliche Ratingniveau international tätiger Großbanken zwischen A und A-. Viele erreichen damit einen besseren Wert als in den fünf vorangegangenen Jahren. "Wir sehen eine robuste Basis dank Fortschritten der Banken bei nachhaltiger Ertragskraft, Kapital und Liquidität – auch infolge schärferer Regulierung", sagt Studienautor Christian Fischer. 

Auch die Zukunftsaussichten im Bankensektor sind laut den Analysten rosig. "Aufgrund unserer aktuellen Bankenstudie erwarten wir mehrheitlich stabile bis positive Entwicklungen in diesem Jahr und auch in 2022", sagt Fischer. Um eine Einschätzung für Anleger abgeben zu können, hatte das Institut 29 europäische, elf nordamerikanische sowie sieben Kreditinstitute aus Australien und Singapur einer Art Stresstest unterzogen. Dabei hatte Independent Credit View unter anderem die Kreditprofile und Geschäftsmodelle der Geldhäuser untersucht. Aber auch makroökonomische Faktoren wie die Dauer des Tiefzinsumfeldes oder der Einfluss geldpolitischer Maßnahmen der Notenbanken spielten eine Rolle. 

Mängel im Risikobereich 
Trotz des grundsätzlich positiven Tenors weist die Studie auf mehrere Herausforderungen hin, die auf die Banken zukommen könnten. "Das Eisberg-Problem im Bankenbereich sind die Tail-Risiken in Kredit- und Handelsbüchern sowie eine angemessene Identifikation und Steuerung von Risiken", sagt Fischer. Er verweist stellvertretend auf die Turbulenzen rund um das Family Office Archegos Capital, die unter anderem die Credit Suisse hart getroffen hatten. Die Risikomanager hätten sich die Gefahrpotenziale nicht ausreichend bewusst gemacht, glaubt Fischer. "So sprechen trotz solider Finanzkennzahlen die Geschäftsmodelle einzelner Banken gegen eine positivere Sicht der Bonität." 

Zudem könnte sich die Kluft zwischen Banken aus Nordamerika und dem asiatisch-pazifischen Raum einerseits und Banken aus West- und Südeuropa andererseits noch vergrößern. Vor allem Letztere drohen laut Studie erheblich an Boden zu verlieren, da sie zum einen unter Überkapazitäten leiden und zum andern vielfach nicht ihre kalkulatorischen Kapitalkosten hereinholen. Anlegern empfehlen die Analysten daher vor allem Anleihen defensiver Geldhäuser mit Top-Bonität. "Neben den erwähnten Banken aus Nordamerika und dem asiatisch-pazifischen Raum gehören nordeuropäische Kreditinstitute zu den bonitätsstärksten Häusern", sagt Fischer. "Daher sollten sicherheitsbewusste Investoren ihnen besondere Beachtung schenken." (fp)