Viele Berufseinsteiger im Investmentbanking träumen davon, bei Goldman Sachs anzufangen. Für 13 Analysten in ihrem ersten Jahr bei dem US-Institut hat sich der Job allerdings als Alptraum entpuppt. In einer eigentlich für den internen Gebrauch bestimmten Powerpoint-Präsentation, über die das "Handelsblatt" berichtet, prangern sie die Arbeitsbedingungen bei Goldman Sachs an. Zwischen 110 und 120 Wochenarbeitsstunden seien keine Seltenheit, sondern Standard. "Das lässt vier Stunden pro Tag zum Essen, Schlafen, Duschen und generelle Übergangszeit", kritisiert ein Analyst. "Das ist unmenschlich und missbräuchlich." Ein anderer sagt: "Arbeitslos zu sein macht mir weniger Angst als die Frage, was aus meinem Körper wird, wenn ich diesen Lebensstil fortführe." Ein dritter: "Ich kann nicht mehr schlafen, weil meine Angstzustände durch die Decke gehen."

Viele Finanzprofis sind stolz darauf, hart zu arbeiten, und feiern ihren Lifestyle mit Slogans wie "work hard, play hard". Der Goldman-Nachwuchs kann dieser Einstellung offensichtlich nicht viel abgewinnen. In einer anonymen Umfrage von Februar, die nun an die Öffentlichkeit gelangt ist, hat die Gruppe aus 13 jungen Analysten ihre Arbeitsbedingungen dokumentiert – und deren Folgen. Ihre körperliche und mentale Gesundheit habe sich deutlich verschlechtert, gaben zahlreiche Befragte an. 77 Prozent fühlen sich gar als Opfer von Missbrauch am Arbeitsplatz. Sollte sich das Jobumfeld nicht verbessern, wollen viele der Umfrageteilnehmer in den kommenden sechs Monaten kündigen.

Chef legt Platten auf, Mitarbeiter legen Nachtschichten ein
Der rebellische Nachwuchs motzt aber nicht nur, sondern macht auch eine Reihe von konstruktiven Verbesserungsvorschlägen: Etwa, die Wochenarbeitszeit auf "nur" 80 Stunden zu reduzieren (was rechnerisch immer noch 16 Stunden bei einer Fünf-Tage-Woche wären!). Eine weitere Idee: Weitreichende Änderungen an Kundenpräsentationen sollen nicht in allerletzter Minute eingefordert werden, sondern mit mehr Vorlauf.

Die interne "Klageschrift" dürfte Goldman-Sachs-Chef David Solomon unter Druck setzen, mutmaßt das "Handelsblatt". Er hatte seinen Job im Jahr 2018 auch mit der Mission angetreten, das Image des überlasteten Investmentbanking-Giganten zu verbessern, indem er beispielsweise das Thema Diversität zur Chefsache macht. "Wir müssen eine Atmosphäre schaffen, in der wir hart arbeiten, aber auch die Möglichkeit haben, ein ausgeglichenes Leben zu führen", erklärte er damals. Solomon, der in seiner eigenen Freizeit gerne mal als DJ auftritt, wollte höchstpersönlich den Beweis antreten, dass sich Job und Freizeit im Investmentbanking nicht ausschließen.

Dieser Versuch dürfte nun als gescheitert gelten. Als Goldman-CEO wollte Solomon mehr Leute einstellen und hatte angeordnet, dass junge Mitarbeiter freitags ab 21 Uhr sowie am Samstag nicht mehr arbeiten müssen. Diese Regel sei zuletzt aber oft hintenübergefallen, heißt es in der Präsentation. Die Pandemie und die rege Börsenaktivität des vergangenen Jahres hat der Investmentbank ein derart großes Geschäftsplus beschert, dass sie aus Kapazitätsmangel sogar auf Umsatz verzichten musste – obwohl die Mitarbeiter so massiv ranklotzen, dass sie offenbar dem Burnout nahe sind. (fp)