Die Gleichbehandlung von Männern und Frauen in der Arbeitswelt ist heutzutage eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Und sie hat auch nachweisbare Positiveffekte auf den Börsenerfolg betreffender Unternehmen. "In mehr oder weniger jedem Zeitraum seit der globalen Finanzkrise ist eine höhere Anzahl von Frauen in Führungspositionen als Manager oder im Aufsichtsrat mit einer Outperformance des Unternehmens im Vergleich zum Sektor verbunden”, schreiben Goldman-Sachs-Strategen um Sharon Bell in einer Kurzstudie. Sie wiesen jedoch darauf hin, dass dies nicht für alle Branchen gelte und dass die wissenschaftliche Forschung zu diesem Trend noch nicht abgeschlossen sei.

Um ihrer These Nachdruck zu verleihen, haben die Goldman-Analysten zudem einen Korb europäischer Unternehmen mit dem höchsten Frauenanteil auf allen Ebenen zusammengestellt: Den "Womenomics-Index", der Unternehmen wie LVMH Moet Hennessy Louis Vuitton, Swedbank, Nestlé und Astrazeneca umfasst. Die Unternehmen im Korb beschäftigen durchschnittlich 46 Prozent weibliche Mitarbeiter, verglichen mit 36 Prozent beim Referenzindex Stoxx Europe 600. Darüber hinaus haben die ausgewählten Unternehmen 40 Prozent weibliche Manager und 42 Prozent weibliche  Aufsichtsratsmitglieder.  Über einen Zeitraum von fünf Jahren schneidet diese besser ab als der pan-europäische Stoxx-600-Index. Französische und skandinavische Unternehmen dominieren die Liste, sagen die Strategen, da Frankreich ein Quotensystem für weibliche Aufsichtsratsmitglieder hat, während die skandinavische Region traditionell eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen aufweist.

Europa habe größere Fortschritte als die USA gemacht, Frauen zur Gleichberechtigung in der Belegschaft zu verhelfen. Zwar sei die Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen in der Region nach wie vor erheblich, in allen größeren Ländern Europas jedoch geringer als in den USA, Kanada und Japan, so Goldman. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen in Europa sei gestiegen, in den USA hingegen seit Ende der neunziger Jahre unverändert geblieben, so die Strategen.

ESG-Fonds: Interesse daran hat in Europa stark zugelegt
Das Goldman-Research bezieht auch Stellung zur Marktdebatte über die Bedeutung von Investments, die auf Umwelt-, Sozial- und Governance-Grundsätzen basieren. In Europa hat das Interesse an derartigen Anlagen in diesem Jahr stark zugenommen. Laut Citigroup sind rund 50 Prozent aller neuen börsengehandelten Fonds in Europa, dem Nahen Osten und Afrika in diesem Jahr ESG-bezogen und kommen auf einen Vermögenswert von rund 4,2 Milliarden Dollar. Dem stehen 3,8 Milliarden Dollar für neue Nicht-ESG-Fonds gegenüber.

Zuflüsse in ESG-fokussierte Strategien könnten zu einer besseren Aktienperformance bei Unternehmen mit höherem Frauenanteil beigetragen haben, sagt Goldman. “Die Kurs-Outperformance kann auf die Zuflüsse in ESG-Fonds, die auf Diversity-Kennzahlen abzielen, zurückzuführen sein, und nicht darauf, dass mehr Frauen bessere Ergebnisse oder geringere Risiken bringen. Aber selbst wenn dies der Fall wäre, glauben wir weiterhin, dass Investoren höhere Sozial- und Governance-Werte für Unternehmen schätzen werden. Unternehmen, die bei diesen Kennzahlen gut abschneiden, sollten daher weiterhin sowohl Zuflüsse als auch Kursaufschläge anziehen.”

Ausnahmen bestätigen die Regel
Einschränkend fügten die Goldman-Strategen hinzu, dass sie keine Korrelation zwischen höherem Frauenanteil und Eigenkapitalrendite feststellen konnten. Zwar sei die Outperformance von Unternehmen mit mehr Frauen über verschiedene Zeiträume ziemlich robust, funktioniere aber in Branchen wie Technologie nicht, da der Sektor seine Geschlechtervielfalt nur langsam ausgeweitet habe. Auch gebe es keine abschließenden wissenschaftlichen Ergebnisse zu der Frage, ob die Erhöhung des Frauenanteils die Performance verbessert. (kb/ps)