In den vergangenen Monaten konnte man den Eindruck gewinnen, dass gemäßigte Meinungen aus der Mode gekommen sind. Zu den Anti-Corona-Maßnahmen der Politik etwa seien kaum neutrale Stimmen zu hören, sagt Torsten Reidel, Geschäftsführer bei Grüner Fisher Investments. Auch zur US-Politik, zur Klimakrise oder zu E-Mobilität gebe es kaum moderate, abwägende Kommentare. "Für Anleger besteht in dieser emotionalen Zeit die Gefahr, dass die nüchterne Faktenlage in den Hintergrund tritt und vorwiegend die eigene – oft höchst subjektive – Meinung für Investitionsentscheidungen herangezogen wird", warnt Reidel.

Investoren sollten nicht darauf hören, wer am lautesten schreit, sagt der Anlageprofi. Auch die vermeintliche Schwarmintelligenz ist kein guter Ratgeber. "Die Mehrheit der Anleger liegt meistens falsch", sagt Reidel. Selbst wenn es ein gutes Gefühl verschafft, mit seiner Meinung nicht allein dazustehen: "Am Aktienmarkt zählen nur Fakten", betont der Experte. "Es schadet deshalb nicht, stets eine Plausibilitätsprüfung durchzuführen."

Nicht in die Meinungsfalle tappen
Um eine Meinung zu überprüfen, hilft das Prinzip: Wenn etwas richtig ist, muss das Gegenteil davon falsch sein. So lässt sich die "Meinungsfalle" umgehen, sagt Reidel. Gerade diese führt oft zu emotionalen Fehlentscheidungen am Aktienmarkt. "Leider führt die höhere Menge an verfügbaren Marktinformationen nicht zu einer vereinfachten Entscheidungsfindung für Anleger, sondern eher im Gegenteil."

Es spricht nichts dagegen, eine Meinung zu haben. Um bei der Geldanlage erfolgreich zu sein, dürften Anleger ihre Meinung aber nicht zur Investment-Maxime erheben. Wer sich strikt an Fakten orientiert, dürfte besser durch das schwierige Jahr 2020 kommen, so der Grüner-Fisher-Chef. Skepsis gegenüber extremen Meinungen bleibe auch darüber hinaus angebracht. (fp)